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Grüne Pioniere (4)

Einen Ausgleich schaffen

Dietrich Brockhagen verhilft Flugreisenden zu einem guten Gewissen: Über Atmosfair können Emissionen kompensiert werden.

Einen Ausgleich schaffen Einen Ausgleich schaffen
atmosfair

Ein Flug von Berlin nach Sydney verursacht dreimal mehr Treibhausgase als ein Jahr Autofahren. Dietrich Brockhagen gründete die Firma Atmosfair, damit Flugreisende ihre Emissionen ausgleichen können: Sie spenden Geld, das in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländer fließt. energlobe.de sprach mit dem Atmosfair-Geschäftsführer darüber, wie klimaschädlich der Flugverkehr ist und welche Wirkung Ausgleichsprojekte in Nigeria haben.

Zehn Tage war Dietrich Brockhagen unterwegs zu den Klimaverhandlungen nach Kyoto. Anstatt mit dem Flugzeug nach Japan zu reisen, nahm er Zug und Schiff, um weniger Kohlendioxid (CO2) zu verursachen. Andere Kollegen flogen, glichen aber ihre Emissionen aus. Dazu zahlten sie Geld an einen englischen Anbieter, der dieses in Klimaschutzprojekte investierten – ein neues Geschäftsmodell. Das war 1997.

„Die Idee fand ich sehr gut, aber die Angebote erschienen mir nicht vertrauenswürdig“, erinnert sich Brockhagen. Er beschloss, selbst eine Firma nach seriösen Kriterien aufzubauen. Sein Unternehmen Atmosfair gilt als verlässlicher Anbieter von Ausgleichsmaßnahmen: Es ist Testsieger in einer Rangliste von insgesamt 20 Firmen, die der Bundesverband der Verbraucherzentralen im August 2010 veröffentlicht hat.

2005: Atmosfair wird gegründet

Bevor Brockhagen sein Unternehmen gründete, arbeitete er mehrere Jahren für das Bundesumweltministerium und den Wissenschaftlichen Beirat für globale Umweltveränderungen. Irgendwann hatte er das Gefühl „genug Papier beschrieben“ zu haben. 2003 reichte der Physiker und Umweltökomon deshalb ein Forschungsprojekt beim Bundesumweltministerium ein, in dem er die Standards für freiwillige CO2-Kompensation entwickelte. Auf den Ergebnissen aufbauend gründete er 2005 Atmosfair als gemeinnützige GmbH. Die Firma finanziert mit Geld, das sie von Unternehmen und Privatleuten erhält, Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern, um in Deutschland entstandene Emissionen auszugleichen.

Ausgleich von Flugreisen, Schiffsreisen oder Veranstaltungen

Viele der täglichen Aktivitäten verbrauchen Energie und verursachen Kohlendioxid  – die Autofahrt zur Arbeit, die PC-Recherche oder das Feierabendsteak. Flugreisen haben eine besonders schlechte Klimabilanz: Allein durch touristischen Flugverkehr entstehen acht Prozent der globalen Emissionen, schätzt der Klimarat der Vereinten Nationen (IPCC). Ein einfacher Flug von Berlin nach Sydney emittiert 6.070 Kilogramm Kohlendioxid pro Fluggast, also dreimal so viel wie ein Jahr Autofahren. Dennoch bewege sich im Flugverkehr in Sachen Klimaschutz wenig, so Brockhagen, der 1996 seine Physik-Examensarbeit beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt über die Auswirkungen von Flugzeug-Kondensstreifen auf das Klima schrieb.

Der Preis, um bei Atmosfair einen Flug von Berlin nach Sydney auszugleichen, liegt bei 141 Euro. Der Betrag wird als Spende abgerechnet. Das Geld finanziert dann zum Beispiel ein Biomassekraftwerk in Indien oder ein Kleinwasserkraftwerk in Honduras. Auch Billigfluglinien bieten bei einer Flugbuchung einen CO2-Ausgleich an. Die Preise sind in der Regel niedriger als bei Atmosfair, denn die Billigairlines berechnen die Emissionen auf andere Weise. Auch die Art der Ausgleichsprojekte, in die das Geld fließt, ist unterschiedlich. Die Zahl der Anbieter ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen und „der Markt wird zunehmend unübersichtlich und ist durch einen Mangel an verbindlichen Standards gekennzeichnet,“ so die Studie des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen.

Gold Standard garantiert Zusätzlichkeit der Maßnahmen

Atmosfair-Projekte sind nach dem Gold Standard zertifiziert, das Siegel wird von den Vereinten Nationen und von 60 Nichtregierungsorganisationen wie dem WWF oder Greenpeace akzeptiert und erfüllt die Anforderungen des Kyoto-Protokolls. Der Gold Standard prüft die Zusätzlichkeit der Projekte besonders streng. Denn gerade darin liegt der Knackpunkt. Damit entstandene Emissionen wirklich ausgeglichen werden, muss ein Klimaschutz-Projekt neu ins Leben gerufen werden.

Brockhagen hat darüber hinaus noch einen weiteren Anspruch an seine Projekte: „Wir wollen nicht nur dem Klima, sondern auch den Menschen direkt helfen.“ Im Fokus der meisten Ausgleichszahlungen steht daher die Arbeit mit privaten Haushalten. Wie in Nigeria, wo dank deutscher Spenden bislang 3.500 Familien effiziente Brennholzkocher erhalten haben. „Wir müssen die Leute da abholen, wo sie jetzt stehen – das bringt auch neue Entwicklungschancen“ , sagt Brockhagen.

Geschäftsmodell geht auf

Mit diesem Ansatz ist die Firma in den letzten Jahren gewachsen. Mittlerweile arbeiten neun Ingenieure, Biologen, Geografen und Ökonomen für Brockhagen, zudem sind in den Entwicklungsländern viele freie Mitarbeiter für Atmosfair aktiv. „Am Anfang waren wir nur Vermittler und Financier für Klimaschutzprojekte“, erinnert sich Brockhagen: „Mittlerweile führen wir die Projekte auch vor Ort durch.“ Atmosfair stehe dennoch erst am Anfang, da nur ein Bruchteil der Flugreisen ausgeglichen werde. Brockhagen selbst gleicht seine Dienstreisen aus, für private Reisen muss er das nicht: „Privat fliege ich gar nicht“, sagt er, „beruflich lässt es sich nicht immer vermeiden“. Den Traum vom Fliegen erfüllt er sich dennoch in seiner Freizeit – sein Hobby ist Drachenfliegen.

Das Atmosfair-Konzept findet Anklang: Die Einnahmen der gemeinnützigen GmbH stiegen von 200.000 Euro im Jahr 2006 auf 2,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Neben Spenden generiert Atmosfair einen kleinen Teil seiner Einnahmen kommerziell – beispielsweise über den Verkauf von Software für CO2-Bilanzierungen. Bei einer Spende von 100 Euro fließen laut Brockhagen 92 Euro an Klimaschutzprojekte; nur 8 Euro gehen in die Spenderbetreuung. Eine sehr gute Quote verglichen mit anderen gemeinnützigen Organisationen.

Gute Aussichten

Brockhagen blickt zuversichtlich in die Zukunft, denn 2013 geht der europäische Emissionshandel in seine zweite Phase. Dann müssen Fluggesellschaften und Energieversorger mehr Emissionen einsparen oder durch Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern ausgleichen. „Wegen der Neuregelung der EU-Richtlinie werden sie alle Anreize haben, einen Teil ihres Portfolios über Gold-Standard-Projekte in Afrika abzudecken,“ so Brockhagen. „Und hier sind wir derzeit fast der einzige Anbieter.“

Er ist sich allerdings bewusst, dass Emissionsausgleich nur die zweitbeste Lösung sein kann. „Es ist immer sinnvoller, Treibhausgasmissionen von vorne herein zu minimieren oder ganz zu vermeiden.“ Diesem Motto hat er sich persönlich verschrieben. Zur Arbeit fährt er mit dem Fahrrad, ein Auto besitzt er nicht. Seinen letzten Urlaub in den Dolomiten trat er – wie immer – mit der Bahn an.

Weitere Informationen:

Homepage von Atmosfair: www.atmosfair.de

Studie: Treibhausgas-Kompensationsanbieter in Deutschland. Abschlussbericht der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde im Auftrag des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. www.verbraucherfuersklima.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014