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Grüne Pioniere (7)

Klare Linien

Büromöbelbauer Wilkhahn ist Vorreiter bei Umwelt- und Sozialstandards. Unternehmer Hahne findet dennoch: Ein bißchen besser geht immer.

Klare Linien Klare Linien
Wilkhahn

Der Büromöbelbauer Wilkhahn ist weltweit Vorreiter in punkto Umweltschutz und sozialer Verantwortung. Dafür konnte Unternehmer Jochen Hahne schon zahlreiche Preise entgegen nehmen. Er findet dennoch: ein bißchen besser geht immer. 

Am Anfang stand eine Überzeugung: Es gibt immer einen Weg, das zu tun, was man für richtig hält. Mit dieser Einstellung baute Fritz Hahne nach dem zweiten Weltkrieg gemeinsam mit seinem Partner Adolf Wilkening die elterliche Stuhlfabrik im niedersächsischen Weserbergland zum international renommierten Büromöbelhersteller um. Heute steht Wilkhahn, seit dem Jahr 2000 von Hahnes Sohn Jochen geführt, wie kaum ein anderer deutscher Mittelständler für Nachhaltigkeit in sozialer und ökologischer Hinsicht.

Es wirkt beinahe schon zu perfekt: Betriebliche Altersvorsorge seit mehr als fünfzig Jahren, Mitarbeiterbeteiligung, nahezu CO2-neutrale Produktion, geschlossener Abfallkreislauf und zertifiziertes Umweltmanagement. „So toll sind wir nicht, dass es nichts mehr zu verbessern gibt“, sagt Jochen Hahne lachend und gibt offen zu, dass er nach wie vor Flugzeuge nutze, Fleisch esse und keineswegs der Demeter-Bewegung angehöre.

Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft

Das Design und die Konstruktion der Wilkhahn-Möbel bilden den Gegenentwurf zur Wegwerfgesellschaft. Sie halten lange, sind reparaturfreundlich und in ästhetischer Hinsicht so reduziert, dass ihr Design auch optisch nicht veraltet. Klare Linien, klassische Formen und große Flexibilität, sich der Körperhaltung des Nutzers anzupassen, sind ihre hervorstechenden Merkmale. Fritz Hahne orientierte sich in den 1950ern am Gründungsmanifest der Ulmer Hochschule für Gestaltung, die in der Tradition und Nachfolge des Bauhauses stand. Er machte sich ihr Ziel zu eigen, „dauerhafte Güter zu produzieren, die Gebrauchsfähigkeit zu erhöhen und die Verschwendung zu reduzieren“.

Bereits 1989 beschlossen Verwaltungsrat und Geschäftsleitung gemeinsam, „ökologische Anliegen im Zweifelsfall höher zu bewerten als schnellen Gewinn“. Bei Wilkhahn ist es gelungen, Ökonomie und Ökologie zusammenzuführen. „Es ist möglich, aber es gibt auch Widersprüche“, sagt Jochen Hahne. Der Spagat sei Wilkhahn auch deshalb geglückt, weil ein Möbelhersteller im Premium-Segment Kunden nicht nur über den Preis gewinne. Man brauche finanzielle Reserven, um im Zweifelsfall mehr als ein Jahr nach dem richtigen Material für eine Armlehne suchen zu können – wie bei Wilkhahn schon geschehen.

Langlebig, reduziert, innovativ

Die ausdauernde Suche nach der besten Lösung und der Wille zur Innovation gehören bei Wilkhahn zur Unternehmenskultur. Sie geht bereits auf Fritz Hahne zurück. „Mein Vater suchte immer nach dem Neuen und hat konsequent mit Architekten und Designern neue Produkte entwickelt“, erinnert sich sein Sohn. Geprägt von seinen Erfahrungen als junger Soldat und Kriegsgefangener sei Fritz Hahne in Sachen Offenheit und langfristiges Denken seiner Zeit weit voraus gewesen. Doch auch nach seinem Ausscheiden aus der Geschäftsführung 1982 prägte dieser Grundsatz das unternehmerische Handeln. So gelang es Wilkhahn 1992, mit Picto den ersten fast vollständig recyclebaren Bürodrehstuhl auf den Markt zu bringen.

Für alle Wilkhahn-Stühle gilt: Sie lassen sich immer wieder neu beziehen. Dabei wird weitestgehend auf Klebstoff verzichtet, um sowohl die Gesundheit der Mitarbeiter als auch die der Kunden zu schonen. Verwendet werden möglichst nur umweltfreundliche Materialien, die ressourcenschonend, emissionsarm und schwermetallfrei sind. Das Zuschneiden von Lederbezügen erfolgt beispielsweise in Handarbeit, um möglichst wenig Verschnitt zu haben und die unvermeidbaren Reste erhält ein Hersteller von Schlüsselanhängern und anderen kleinteiligen Lederprodukten.

Preisgekrönt in Sachen Umwelt, Arbeitsbedingungen, Architektur

Gearbeitet wird am Hauptsitz in Bad Münder unter anderem in vier Pavillons, die 1987 von Frei Otto entworfen wurden und sich harmonisch in die Landschaft einfügen. In den mehrfach preisgekrönten Bauten mit Zeltdachkonstruktion herrscht ein helles und freundliche Arbeitsklima. Sie gelten weltweit als Musterbeispiele einer human orientierten Industriearchitektur. Die Mehrkosten haben sich Wilkhahn zufolge durch die hohe Nutzungsqualität und die Marketingwirkung längst mehrfach amortisiert.

Weltweit beschäftigt Wilkhahn mittlerweile mehr als 600 Mitarbeiter und betreibt Produktionsstätten in Spanien und Australien. Am Hauptsitz wird bereits seit 1992 über eine Solaranlage Strom gewonnen und seit 2008 liefert ein hochmodernes mit Biokraftstoff betriebenes Blockheizkraftwerk vor Ort Wärme und speist zudem Strom ins Netz ein, sodass die Produktion in Deutschland nahezu  CO2-neutral ist.

Das Unternehmen ist Mitglied des UN-Netzwerks Global Compact, das die Globalisierung ökologischer und sozial gerechter gestalten will. Als erster Möbelhersteller hat Wilkhahn 2009 einen Rahmenvertrag mit den Gewerkschaften zur weltweiten Anerkennung von sozial-ökologischen Arbeitsbedingungen geschlossen, der auch für Zulieferanten, Lizenz- und Vertriebspartner gilt. Zudem ist das Umweltmanagementsystem des Büromöbelherstellers nach der europäischen EMAS-Verordnung und der internationalen Norm ISO 14001 zertifiziert, die zunehmend auch große DAX-Konzerne anstreben, um bei Anlegern und Analysten Punkte zu sammeln. Daneben hat Wilkhahn zahlreiche Umweltauszeichnungen erhalten, unter anderem 1996 den Deutschen Umweltpreis.

Wille zur Veränderung

2009 wurde Jochen Hahne zudem in Niedersachsen zum „Unternehmer des Jahres“ ernannt. Die Laudatio hielt der Landeswirtschaftsminister – ein Posten, der Hahne selbst einmal gereizt hat. Im Falle eines Wahlerfolgs der SPD bei den Landtagswahlen 2008 hätte er das Familienunternehmen verlassen, um als Wirtschaftsminister Akzente zu setzen – insbesondere bei Energie- und Infrastrukturthemen. Dass es nicht so gekommen ist, findet Hahne „in Ordnung“, denn auch bei Wilkhahn sei noch viel zu tun.

Nach überstandener Wirtschaftskrise ist ein mittelfristiges Ziel der Aufbau einer Fertigung in den USA, um lange Transportwege zu vermeiden. In Deutschland will Hahne zudem Verträge über eine Versorgung mit Biogas schließen. Besonders am Herzen liegt dem Unternehmer aber, seine Mitarbeiter noch stärker für Umwelt- und Sozialthemen zu sensibilisieren.

Aber Jochen Hahne ist Realist: Er weiß, dass der Hebel für gesellschaftliche Veränderungen in der Politik und den großen Konzernen verglichen mit dem Mittelstand gewaltig ist. Doch gerade kleinere Unternehmen könnten erfinderisch sein, etwas ausprobieren und hoffen „damit auch die Großen anzustecken“.

Weitere Informationen:

www.wilkhahn.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014