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Infrastruktur

Zeit der Netze

Wie sollten intelligente Netze gestaltet werden? Siemens-Topmanager Christian und EWE-Chef Brinker geben ihre Einschätzungen.

Zeit der Netze Zeit der Netze
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Wie sollte die Welt der Intelligenten Netze in Zukunft aussehen? Das müssen die Staats- und Regierungschefs der EU demnächst entscheiden. ENERGLOBE.DE sprach mit zwei ausgewiesenen Experten über dieses Thema: Ralf Christian, CEO der Power Distribution Division von Siemens Energy und Werner Brinker, Vorstandschef der EWE AG. Apropos: Mehr zum Thema Smart Grids finden Sie hier.

Wie nie zuvor steht Ende 2010 die Debatte um Deutschlands und Europas Energieinfrastruktur der Zukunft im Fokus. Für diese Zukunft wimmelt es derzeit von Strategien, Konzepten und Zahlen mit einem Eurozeichen dahinter. Damit ist es den Staats- und Regierungschefs der EU am 4. Februar 2011 auf ihrem Energiegipfel in Brüssel nicht länger möglich, die immensen Kosten für eine neue europäische Infrastruktur zu ignorieren. Anders ausgedrückt: Die Politik müsse jetzt zeigen, was sie wirklich will, sagte der EU-Generaldirektor Energie, Philip Lowe gegenüber ENERGLOBE.DE.

Eine dieser Zahlen lautet 200 Milliarden Euro. Zu finden ist sie im erst kürzlich von der EU-Kommission einstimmig angenommenen Infrastrukturpaket und sie steht für die in den nächsten Jahren notwendigen Investitionen in Smart Grids und Energiespeicherung. 200 Milliarden sind ein Fünftel der gesamten Investitionssumme, die laut EU-Kommission vor allem für den Aus- und Aufbau der nationalen und transnationalen Netze für Gas und Strom aufgebracht werden müssen. Smart Grids – regionale Verteilnetze, die Strom, Internet, Haushalte und Gewerbe intelligent miteinander verbinden – sind ein „Milliardenmarkt, dessen Volumen das Internet um ein Vielfaches übersteigen wird“, meint Telekom-Vorstand Reinhard Clemens gegenüber dem Handelsblatt – und kündigt damit implizit an, dieses Feld nicht allein den Energieversorgern zu überlassen.

Smart: Italien, Skandinavien, UK und … Norddeutschland

Ralf ChristianFür den Technologiekonzern Siemens sind Smart Grids ein weltweites Geschäftsfeld mit hohen Erwartungen geworden. Heute laufen die Fäden für das Smart-Grid-Geschäft zum einen bei Ralf Christian zusammen, der seit 2008 CEO der Power Distribution Division von Siemens Energy ist. Zum anderen hat Siemens zur Unterstützung dieses Geschäfts ein konzernweites Projekt für die Vermarktung von Smart-Grid-Anwendungen initiiert. Hierzu gehören zum Beispiel die intelligente Verbrauchsmessung mit digitalen Zählern oder die Fernsteuerung von Verbrauchern zur Optimierung der Netzauslastung. Darüber hinaus wurde das Zukunftsthema Elektromobilität ins Konzernprojekt integriert. Dabei bildet die intelligente energie- und datentechnische Anbindung der Elektrofahrzeuge an das Stromnetz den Schwerpunkt.

In einem Ende 2009 hausintern veröffentlichten Interview verwies Christian auf die Führungsrolle von Siemens, weltweit das einzige Unternehmen zu sein, welches angefangen von der smarten Energieerzeugung, über Netzelemente für Transport und Verteilung bis hin zu den Hausgeräten alles anbieten könne, was Smart Grids ausmache. Weiter nach den in der Smart-Grid-Erprobung führenden Ländern und Regionen befragt, verwies der Manager neben Italien, Großbritannien und Skandinavien auch auf Norddeutschland.

Werner BrinkerIn Norddeutschland trägt für die Entwicklung und Erprobung von Smart Grids in erster Linie der Oldenburger Energiekonzern EWE die Verantwortung und auf Nachfrage von ENERGLOBE.DE sieht Christian hier „ein Unternehmen, welches seit vielen Jahren in dieser Richtung für den Kunden ein Vordenker ist und vielleicht an vielen Stellen durchaus früher als andere diese Themen aufgegriffen hat.“ Für diese Vordenkerrolle zu den Smart Grids wurde EWE von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle 2010 mit dem Award „Best Innovator“ geehrt und präsentierte im Dezember als einziges Energieunternehmen auf dem 5. Deutschen IT-Gipfel sein Smart-Grid-Projekt „e-Telligence“. Wie schätzen Ralf Christian und Werner Brinker, seit 1996 Vorstandschef der EWE AG, die aktuelle Situation ein?

Transformation einer traditionellen Wirtschaftsstruktur

„Etwas locker gesprochen, ist der Ausdruck Smart Grid manchmal vielleicht etwas irreführend, denn im Kern steht dahinter eigentlich der Umbau der gesamten Energiewirtschaft, d.h. von einer traditionell auf zentrale Energieerzeugung ausgerichteten auf eine Struktur zunehmender dezentraler Energieerzeugung“, sagt Christian. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien stünden die Netze vor gewaltigen neuen Anforderungen.

Einerseits seien über die Transportnetze, vor allem durch die Onshore-Welle des Ausbaus der Windenergie, der jetzt die Offshore-Welle folge, über große Distanzen höhere Kapazitäten zu transportieren. Andererseits hätten die regionalen Verteilnetze richtig Stress, um den derzeit in tausenden Photovoltaikanlagen produzierten Strom aufzunehmen und sinnvoll zu steuern. „Wir müssen jetzt viel mehr reagieren“, so Christian weiter, um durch Laststeuerung Energie sowohl verfügbar zu machen, als auch verbraucherseitig zu nutzen, wenn sie verfügbar ist.

„Smart Grids oder auch intelligente Netze genannt, stehen heute für eine über die Verteilnetze gesteuerte Optimierung von dezentraler Stromerzeugung und Stromverbrauch, um Energie einzusparen und effizienter zu nutzen, aber auch um auf der Höchstspannungsebene zu reduzierten Kapitalkosten zu kommen“, unterstreicht Brinker. Je mehr man auf der Ebene der Verteilnetze durch Smart Grids und die darin inbegriffene, bis zu den Haushalten reichende Infrastruktur, optimieren könne, desto mehr Kapazitäten ließen sich in den Transportnetzen und bei ihrem anstehenden Ausbau einsparen – so würden beide Netzebenen und die Planungen ihres Ausbaus unmittelbar zusammenhängen.

Der Verbraucher – integriert, aktiv und … mündig

„Wir werden in diesem Zusammenspiel künftig unbedingt ein drittes Element benötigen: die integrierten, die aktiven Verbraucher!“ Sie würden zum unverzichtbaren Element der neuen Infrastruktur von Smart Grids werden. Dafür seien, so Christian, neue Technologien zu entwickeln, sowohl für die Haushalte als auch für die gesamte Speicherung von Energie.

Der aktive Kunde, das zu erziehende Wesen? „Es geht doch in erster Linie um Möglichkeiten und die Erfahrung, diese Möglichkeiten sinnvoll und auch zum eigenen Vorteil nutzen zu können. Dann habe ich auch aktive Kunden“, entgegnet Brinker. Dafür könne man an Erfahrungen mit neuen Medien wie den Smartphones, dem iPad oder der Trio-Smart-Box von EWE anknüpfen. „Der Anteil der Generationen, für die neue Medien Alltag sind, wächst in den Haushalten rapide und mit ihm die Affinität, neue Technologien auch als ein aktiver Kunde und Partner einzusetzen – und Partner heißt auch Händler, der, wenn er seine Geräte für ein aktives Lastenmanagement zur Verfügung stellt, Gutschriften erhält. Warum sollte das, was bei Industriekunden üblich ist, im Prinzip nicht auch für Tarifkunden genau so gehandhabt werden.“

Politik, Regulierung, Qualität der Netze

Weder Christian noch Brinker sehen in der den Kunden im Smart Grid zugedachten aktiven Rolle gravierende Akzeptanzprobleme, wie vergleichsweise beim Ausbau der Hochspannungstrassen. Die Verteilnetze als solche seien ja schon vorhanden. Gefragt nach den noch notwendigen technologischen und politischen Schritten hin zu Smart Grids, sehen beide die technologischen Bedingungen für den Aufbau von Smart Grids im Wesentlichen als schon vorhanden an. „Das immer neue Lösungen im Bereich der Informationstechnik gefunden werden müssen, um die Datenströme zu steuern, ist ein normaler Prozess“, darin sehe er nicht mehr die gravierenden Probleme, sagt Brinker. Vielmehr brauche man die Unterstützung der Politik, um die Bürger für ihre aktive Rolle im Gesamtsystem der neuen Energieversorgung gewinnen zu können.

Für Christian benötige diese aktive Rolle für die Verbraucherseite jetzt Signale vom Markt: „Der Markt, den wir vorfinden, ist aber ein regulierter. Damit Verbraucher künftig ihr Verhalten aktiv gestalten und Kosten spürbar einsparen können, benötigen wir die Möglichkeit, viel flexiblere Tarife anbieten zu können. Und weil niemand darauf wartet, seine Waschmaschine dann anzustellen, wenn gerade der Wind bläst, müssen diese Preissignale automatisiert werden, so dass im Grunde eine integrierte Kommunikation und Energielieferstruktur entsteht. Wir haben es hier mit qualitativen Parametern der Netze zu tun, die für Netzbetreiber nicht immer im Einklang mit den Vorgaben der Regulierungsbehörden stehen, die Durchleitungskosten nur zu minimieren. Aus meiner Sicht muss es für Netzbetreiber vielmehr attraktiv werden, eine energiepolitische Gesamtoptimierung zu fördern und damit stehen wir in Deutschland noch ganz am Anfang.“

Dazu Brinker: Diese Qualitätskriterien, die EWE durch den sehr frühen Schritt des Unternehmens zum dezentralen Energiemanagement schon seit Jahren fordert, würden jetzt zunehmend in die Regulierung der Netzentgelte und die Anreizregulierung für Netzbetreiber einfließen. Das sei für ihn eine positive Tendenz. In den vergangenen Jahren habe die Arbeit der Bundesnetzagentur mit den Unternehmen dazu geführt, vom „Misstrauen gegen den unternehmerischen Ansatz wegzukommen und besonders in den vergangenen Monaten mehr gegenseitiges Verständnis zu entwickeln, als in den Jahren zuvor“.

Dennoch müsse man sich in der Energiewirtschaft wieder stärker auf das Unternehmertum besinnen, als auf den Ruf nach mehr Politik. „Es ist zunächst einmal ein unternehmerisches Risiko, Ideen zu entwickeln. Wenn wir also Vorlaufkosten auf Teilbereiche für intelligente Netze anerkannt haben wollen, müssen wir uns neue Modelle überlegen, die zum Beispiel den Nutzen von Investitionen in intelligente Netze vergleichen mit den Netzen, in denen diese Investitionen nicht getätigt werden. So können Qualitätskriterien in eine Anreizregulierung einfließen“, sagt Brinker.

Leuchttürme für ein Stromjahrhundert

„Für uns sind Smart Grids kein momentaner Hype sondern ein Markt für die nächsten drei Jahrzehnte, eingebettet in den weltweiten Aufbau einer neuen nachhaltigen Energieinfrastruktur mit Strom als universellem Energieträger. Wir erwarten in diesem Jahrhundert auf allen verbrauchsrelevanten Gebieten die praktisch fast vollständige Umstellung auf Strom. In dieser Perspektive und mit den damit verbundenen Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen“, so Christian zu nächsten Schritten, „geht es jetzt aus meiner Sicht um eine deutliche Demonstration, so zu sagen ein Smart-Grid-Leuchtturmprojekt, um das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten als integrierte Gesamtanwendung demonstrieren zu können.“ Als Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland, würde man diese Technologien auch gern in Deutschland demonstrieren.

Bisher werden deutschlandweit in sechs von der Bundesregierung geförderten Modellregionen Komponenten für Smart Grids getestet. EWE testet in einer der Regionen, Cuxhaven, das in Oldenburg entwickelte dezentrale Energiemanagement. „Sobald die ersten Ergebnisse aus diesen Pilotprojekten vorliegen – was sehr bald sein wird – muss das Thema weiter ausgerollt werden“, sagt Brinker. „Bei einem Demonstrationsprojekt eines Smart Grids mit internationalem Leuchtturmcharakter wird es nicht allein um den Umfang finanzieller Mittel gehen, sondern vor allem um die Zusammenführung der für den Erfolg notwendigen Partner, angefangen von der Geräteindustrie bis hin zur Telekommunikation. Es ist nach meiner Erfahrung bisher unwahrscheinlich aufwendig gewesen, alle Akteure von der Grundidee zu überzeugen und zusammenwirken zu lassen. Hier liegt in meinen Augen künftig die entscheidende Herausforderung.“

Weitere Informationen:

ENERGLOBE.DE-Dossier zu Smart Grids

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014