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Sicherheit

Zerbrechliche Welt

Weltweit werden Atomreaktoren in Erdbebenregionen betrieben – auch am Rheingraben in Deutschland.

Zerbrechliche Welt Zerbrechliche Welt
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Nach der Katastrophe von Fukushima steht die Sicherheit der Kernkraftwerke weltweit auf dem Prüfstand. So betreiben Taiwan und der US-Bundesstaat Kalifornien Reaktoren auf dem pazifischen Feuergürtel: Erdbeben und Tsunamis treten hier regelmäßig auf. Auch in Deutschland wird über Sicherheitsbestimmungen gestritten.

Das Erdbeben in Japan vom vergangenen Freitag lag bei einem Wert von 8,9 auf der Richterskala – und damit deutlich über den Szenarien, für die japanische Atomkraftwerke (AKW) ausgelegt sind. 18 Atomkraftwerke mit insgesamt 54 Reaktoren gibt es; sie stellen eine Leistung von 47 Gigawatt und ein Drittel des japanischen Stroms bereit. Nach dem Erdbeben in Kobe 1995, das mit einer Stärke von 6,9 erfasst wurde und bei dem Tausende Menschen ums Leben kamen, wurden die Vorschriften für Neubauten verschärft. Reaktoren müssen seitdem Erschütterungen der Stärke 7,75 verkraften können, in besonders gefährdeten Regionen sogar bis 8,25. Zu wenig, wie man heute weiß. Als Reaktion auf die Katastrophe in Japan kündigte die taiwanesische Regierung bereits an, die nationalen Sicherheitsstandards zu verbessern.

Unzureichend gesichert

Erdbeben in unmittelbarer Nähe von Kernkraftwerken gab es in der Vergangenheit öfter. Laut dem Lobbyverband World Nuclear Association steht weltweit jedes fünfte AKW in einer Region mit bedeutender seismischer Aktivität. Erst vor dreieinhalb Jahren, am 16. Juli 2007, ereignete sich an der Westküste Japans ein Erdbeben der Stärke 6,8 – nur 16 Kilometer entfernt vom größten Atomkraftwerk der Welt. Das betroffene Kernkraftwerk in Kashiwazaki-Kariwa mit einer Leistung von rund acht Gigawatt gehört Tokyo Elektric Power Company (Tepco), die auch das Kraftwerk in Fukushima betreiben. Auslöser des Bebens war eine Verschiebung der tektonischen Platten in der japanischen See, die zuvor als inaktiv galten. Die auf den Bodenplatten des Kraftwerks gemessene Erschütterung überstieg die rechnerisch angesetzten Belastungen um das Dreieinhalbfache.

Erdbebenregion Rheingraben

In Deutschland sind Beben seltener und weniger stark ausgeprägt, dennoch stehen Reaktoren in gefährdeten Gebieten: Am Rheingraben befinden sich die Reaktoren Philippsburg bei Karlsruhe, Biblis nahe Darmstadt und Fessenheim in Frankreich, das nur 20 Kilometer von Freiburg entfernt liegt. Auf einer zwölfstufigen Intensitätsskala werden die AKWs in Regionen mit stärkerer Seismizität von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) mit 7 bis 8 eingestuft, wonach die Bauvorgaben für die Standorte entsprechend abgeleitet werden. „Die deutschen Kraftwerke müssen dabei Belastungen aushalten, die über die zu erwartenden Bebenbelastungen für den Standort hinausgehen“, so Thomas Spies, Erdbebenexperte von der BGR.

Nach Angaben der Behörde sind die deutschen Vorschriften zur Erdbebensicherheit von Atomkraftwerken sehr streng. Trotzdem müssen sieben alte Meiler vorerst abgeschaltet werden, solange das dreimonatige Moratorium der Bundesregierung anhält. Darunter auch die Reaktoren Neckarwestheim I, Philippsburg I und Biblis.

Wegen Erdbeben-Gefahr vom Netz

Die Bedrohung durch Erdbeben hat schon in der Vergangenheit dazu geführt, dass Kernkraftwerke vom Netz gehen mussten. Das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich rund zehn Kilometer nordwestlich von Koblenz wurde 1988 wegen zu geringer Erdbeben-Sicherheit abgeschaltet, da es im erdbebengefährdeten Neuwieder Becken liegt. Aufgrund dieser Bedrohung wurde der Reaktor ohne neues Baugenehmigungsverfahren 70 Meter entfernt vom ursprünglich geplanten Standort gebaut. Die Folge: Der Essener Energieriese RWE musste nach knapp zwei Jahren Probe- und 100 Tagen Regelbetrieb aufgrund einer richterlichen Entscheidung abschalten. Ein jahrelanger Streit vor den Gerichten folgte, der erst durch den Atomkonsens von Bundesregierung und Industrie im Juni 2000 endete. Die virtuelle Strommenge von Mülheim-Kärlich konnte auf die Laufzeiten anderer Reaktoren übertragen werden. Allein der Bau kostete RWE damals rund 3,5 Milliarden Euro.

Stärkere Beben möglich

Eine unzureichende Sicherung der AKWs in Deutschland gegen Erdbeben wird von der Umweltorganisation BUND kritisiert. So sei das AKW Biblis nur für eine Erschütterung bis 1,5 Meter pro Sekundenquadrat ausgelegt. Die physikalische Maßeinheit gibt dabei die Beschleunigung eines Körpers an. Experten halten stärkere Beben in der Region aber für möglich. In einer aktuellen Studie, die im Auftrag des BUND erstellt wurde, kritisiert die Physikerin Oda Becker von der Fachhochschule Hannover, dass es in allen vier württembergischen AKWs zu schweren Unfällen kommen könne. In den beiden ältesten Reaktoren Neckarwestheim I und Philippsburg I seien die Sicherheitsmängel so gravierend, dass sie nicht durch Nachrüstungen behoben werden könnten. Nicht abzusehen sei auch, ob der Schutz der Atomkraftwerke gegen Flugzeugabstürze oder mögliche Terroranschläge gewährleistet werden könne. Becker dazu wörtlich: „Philippsburg I gehörte dabei zu den verwundbarsten Reaktoren in Deutschland.“

Streit zwischen Wissenschaftlern

Die Katastrophe in Japan hat in Deutschland eine neue Sicherheitsdebatte ausgelöst. So warnen auch andere Experten davor, dass deutsche Kernkraftwerke unzureichend gegen Schäden durch Erdbeben gesichert sind. Die Bewertung der Standortsicherheit für den Fall eines Bebens „entspricht nicht dem Stand der Technik“, erklärt der Geophysiker Oliver Heidbach vom Geoforschungszentrum Potsdam gegenüber ENERGLOBE.DE. Er leitet eine Arbeitsgemeinschaft verschiedener Forschungseinrichtungen zu Thema Erdbebengefährdung.

Mit seiner Einschätzung widerspricht Heidbach der BGR. Nach seiner Ansicht ist das derzeitige Restrisiko eines Schadens durch Erdbeben „nicht tragbar.“ Er erhofft sich eine dauerhafte Diskussion um die Risiken und technische Nachrüstungen. „Wir sollten nicht auf die Japaner schimpfen, sondern vor der eigenen Haustür nachbessern.“

Weitere Informationen:

aktuelle Erdbeben in der Welt: http://earthquake.usgs.gov

BUND-Studie: www.bund.net

Globale Standorte von AKWs: www.insc.anl.gov

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014