Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Klimaschutz

Hoffnungsträger im Dilemma

Die Klimatechnik rechnet sich derzeit nur, wenn damit mehr Öl und Gas gefördert wird.

Hoffnungsträger im Dilemma Hoffnungsträger im Dilemma
energlobe.de, Denny Rosenthal

Büffel grasen auf der „Klimaschutz-Autobahn“. So nennt der Energiekonzern RWE die etwa 50 Zentimeter breite und 330 Kilometer lange Röhre knapp einen Meter unter der Erde. Sie transportiert seit dem Jahr 2006 Kohlendioxid (CO2), das aus dem Rauchgas eines Kraftwerks im US-Bundesstaat North Dakota gewaschen wird. Ziel ist ein Erdölfeld 1.400 Meter unter der Gemeinde Weyburn im Südwesten Kanadas. Die Pipeline verläuft quer durch einen Nationalpark, vorbei an Indianerreservaten und dem wilden Fluss, dem die Region Saskatchewan ihren Namen verdankt.

Kohlendioxid gegen den Peak Oil  

Das komplizierte Projekt rechnet sich: Durch die Verpressung von CO2 in Öl- und Gaslagerstätten kann deren Ausbeute deutlich gesteigert werden. Mit jedem geförderten Liter Öl sinkt der Druck im Reservoir. Sobald die Lagerstätte halb leer ist, der sogenannte "Peak Oil" erreicht ist, herrscht ein kritisches Druckniveau, ab dem die Fördermenge sinkt. Durch die Injektion von CO2 wird der Druck wieder erhöht. Bereits seit den siebziger Jahren nutzen die Amerikaner natürliches Kohlendioxid zur Steigerung der Rohstoffausbeute. Sie nennen das Enhanced Oil and Gas Recovery. Allerdings versiegen die natürlichen Vorkommen. „Der Mangel an geeignetem und bezahlbarem Kohlendioxid ist das vielleicht größte Hindernis bei der derzeitigen Expansion der Ölproduktion“, schreibt Michael Godec von der US-Consultingfirma Advanced Resources International.

Eine alternative Lösung bietet Carbon Dioxide Capture and Storage (CCS), also die industrielle Abscheidung und unterirdische Speicherung von Kohlendioxid. „Wie alle -anderen Technologien wurde CCS ursprünglich entwickelt, um damit Geld zu verdienen“, erläutert Energieexperte Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie.

"Ökonomisch günstigste Variante"

Rund um den Globus investieren Ölmultis, Kraftwerksbetreiber und Anlagenbauer in Pilotprojekte, um nach dem effizientesten und preiswertesten CCS-Verfahren zu forschen. Auch der Konzern Vattenfall Europe und der Essener Energieriese RWE mischen kräftig mit. Sie setzen darauf, dass die Vermeidung einer Tonne CO2 durch CCS irgendwann weniger kostet als die entsprechenden Verschmutzungsrechte im EU-Emissionshandelssystem. Ob und wann das der Fall sein wird, ist ungewiss. Momentan liegen die Kosten je nach Anlagentyp bei 60 bis 90 Euro, der Emissionshandelspreis aber gerade mal bei 15 Euro pro Tonne CO2. „Die Wirtschaftlichkeit von CCS ist Einstellungssache, entweder man glaubt an eine Technologie oder nicht“, verteidigt Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka das Engagement und betont: „Ich glaube an die Technologie.“

Zum derzeitigen Zeitpunkt sind CCS-Anlagen nur rentabel durch den Verkauf des abgeschiedenen CO2 an die Rohstoffindustrie, meint US-Unternehmensberater Godec. „Das ist ökonomisch die günstigste Variante“, bestätigt Reinhard Grünwald vom Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag.

Nettoerlöse von 92 Dollar je Tonne CO2

Für Enhanced Oil Recovery wurden laut Vattenfall weltweit 70 Testprojekte auf den Weg gebracht. Manche dieser Anlagen erzielen nach einer Studie des Weltklimarates Nettoerlöse von 92 US-Dollar je Tonne. Auch die Gas-Variante wirft seit Jahren Erlöse ab, wenn auch geringere. 55 Prozent der CO2-Lagerstätten weltweit sind laut Internationaler Energieagentur (IEA) Gasfelder, weitere 15 Prozent Ölfelder. 14 Prozent des CO2 können in Salzwasser führenden Gesteinsschichten gespeichert werden. Diese Salinen Aquifere bieten keinen wirtschaftlichen Zusatznutzen, sondern dienen nur als Endlager.

In Deutschland sind neben Salinen Aquiferen vor allem Erdgaslager relevant. So will etwa Vattenfall Europe in einem Pilotprojekt in Brandenburg Kohlendioxid abscheiden und in einen weitgehend leeren Erdgasspeicher in Sachsen-Anhalt pumpen, der zum französischen Konzern Gaz de France Suez gehört. Bis zu 250 Millionen Kubikmeter CO2 kann diese Lagerstätte aufnehmen – ungefähr so viel wie ein Großkraftwerk während seiner Laufzeit ausstößt. Nach Unternehmensangaben könnten so 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas zusätzlich gefördert werden, also 80 Kubikmeter pro Tonne CO2. „Das ist hochwirtschaftlich“, analysiert Hans-Jochen Luhmann vom Wuppertal Institut. Die Projekterlöse betragen je nach Gaspreis umgerechnet zwischen 16 und 39 Euro je Tonne CO2. Allerdings liegen diese Pläne auf Eis, weil Deutschland bislang kein CCS-Gesetz erlassen hat.

Pipelines für den CO2-Export

Die wichtigste Alternative zur Speicherung in Deutschland ist der Export – zum Beispiel in Öl- und Gasfelder unterhalb der Nordsee, die bereits zur Hälfte erschöpft sind und deren Förderung daher an wirtschaftliche Grenzen stößt. „Außerdem rücken die großen Öl- und Erdgasfelder in Russland und Nordafrika ins Blickfeld“, sagt Gerd Dronia, CCS-Experte der staatlichen Förderbank KfW.

Die passenden Pläne für ein innerdeutsches CO2-Leitungsnetz liegen griffbereit in der Schublade. Sie wurden vom Wuppertal Institut im Auftrag der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen skizziert. Die Pipelines reichen dabei bis in die Nordsee hinein und sind an das Pendant in den Niederlanden angeschlossen. Nutzer wären vor allem RWE und Vattenfall. „Wir vermuten in Öl- und Erdgaslagerstätten geeignete CO2-Speicherpotenziale“, bestätigt eine RWE-Sprecherin. Für RWE spiele die Einpressung von Kohlendioxid zur Steigerung der Ausbeute aktuell aber „keine bedeutende Rolle“.

Speicherkapazitäten sind gering

CO2-Exporte werden zwangsläufig notwendig, weil die Speicherkapazität hierzulande mit etwa 20 Milliarden Tonnen viel zu gering ist. Zudem ist es technisch unmöglich, die jährlichen Emissionen der deutschen Industrie in Höhe von 350 Millionen Tonnen CO2 parallel unter die Erde zu verpressen. Lediglich 50 bis 75 Millionen Tonnen pro Jahr hält CCS-Experte Johannes Peter Gerling von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover für realistisch.

In Norwegen ist das Verhältnis umgekehrt. Die Wirtschaft des kleinen Landes produziert jährlich nur 43 Millionen Tonnen CO2. Allein die Utsira-Formation in der norwegischen Nordsee hat nach Einschätzung von Geologen das Potenzial, sämtliche Emissionen Europas der nächsten 500 Jahren aufzunehmen. Für den kostengünstigen Transport bieten sich auch Frachter an, die denen für Flüssiggas ähneln.

Zusätzliche Rohstoffförderung verhagelt die CCS-Klimabilanz 

Unter Klimaschutzaspekten ist es jedoch fragwürdig, Kohlendioxid in Öl- und Gaslagerstätten wirtschaftlich zu verwerten. Ziel und Zweck ist es schließlich, zusätzliche Mengen Mineralölprodukte freizusetzen, deren Erschließung sonst zu teuer gewesen wäre. Energieexperte Luhmann hat die Folgen anhand des Speicherprojektes im kanadischen Weyburn durchgerechnet. Fazit: Wegen der Verbrennung des zusätzlich geförderten Öls sind die Emissionen dreimal so hoch wie die ursprünglich gespeicherte Menge Kohlendioxid.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014