Sie benutzen einen veralteten Browser. Bitte updaten Sie Ihren Browser oder aktivieren Sie Chrome Frame um die Darstellung zu verbessern.

Um den vollen Funktionsumfang dieser Webseite zu erfahren, benötigen Sie JavaScript. Eine Anleitung wie Sie JavaScript in Ihrem Browser einschalten, befindet sich hier.

Desertec

Europas neue Nabelschnur

Tausende Solarthermie-Kraftwerke in der Sahara sollen den Strom für die Verbraucherzentren in Europa sichern.

Europas neue Nabelschnur Europas neue Nabelschnur
energlobe.de, Denny Rosenthal

Desertec ist ein Megaprojekt. Das spektakulärste und teuerste Energie- und Infrastrukturvorhaben aller Zeiten soll im Jahr 2050 gut 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs durch solarthermische Kraftwerke decken. Das Sonnenkraftwerk in der Wüste ist auch ein politisches Projekt zwischen europäischen und nordafrikanischen Ländern. „Aber wir betreiben keine Entwicklungshilfe“, betont der ehemalige Bundesumweltminister und UN-Umweltchef Klaus Töpfer, den sich die Desertec Industrieinitiative (DII) als politischen Netzwerker ins Boot geholt hat. Um dies zu unterstreichen fügt er hinzu: „Auf beiden Seiten gibt es konkrete wirtschaftliche Interessen.“

Drei Ziele hält Töpfer bei der Verwirklichung des Projekts für zentral: Besonders wichtig sei es, dass die Anlagen „einen bedeutsamen Selbstversorgungsbeitrag“ für die nordafrikanischen Erzeugungsländer sicherstellen. Zweitens können die Solarkraftwerke helfen, die Wasserknappheit vor Ort zu bekämpfen, weil die Entsalzung von Wasser bis heute sehr energieintensiv ist. Als dritten Punkt sieht Töpfer einen Exportbeitrag für die Nationen aus Nahost und Nordafrika, die sogenannten Menaländer, „sodass sie ihre wirtschaftliche Entwicklung weiter steigern können“. Dabei sei es außerordentlich wichtig, dass beide Seiten von der Zusammenarbeit profitieren.

Desertec ist ein Generationen-Projekt

„Erst sollten jedoch die 800 Millionen Afrikaner mit Strom versorgt werden, die derzeit keinen Zugang zu einer elektrischen Versorgung haben, bevor Strom nach Europa geliefert wird“, betont der Chef-Ökonom der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, gegenüber energlobe.de. „Der Schlüssel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit liegt zunächst darin, dass die nordafrikanischen Länder die Energieversorgung sichern, den Wohlstand steigern und somit auch sehr gute Voraussetzungen für politische Stabilität haben“, bestätigt auch Umweltökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Bei der Solarthermie wird Wasser in Röhren mithilfe von Spiegeltechnik stark erhitzt. Der entstehende Wasserdampf treibt Turbinen an, die Strom erzeugen. Bei geringerer Energienachfrage lässt sich die Wärme gut über mehrere Stunden in verflüssigtem Salz speichern. Deshalb liefert das Verfahren zuverlässig Energie – auch in der Nacht, wenn die Sonne nicht scheint. Das ganze Unterfangen kostet etwa 400 Milliarden Euro – die Zahl lässt sich aus einem Gutachten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ableiten. Bestätigen wollte die Desertec-Initiative die Summe nicht: „Genaue Kosten zu benennen, wäre unseriös“, betont DII-Sprecher Alexander Mohanty.

400 Milliarden in den Wüstensand setzen

Desertec ist ein riesiges Energieprojekt in stetiger Entwicklung. Gegründet wurde es im Juli 2009 von zwölf Unternehmen und der Desertec-Gesellschaft. Derzeit gibt es 17 Gesellschafter und weitere 20 assoziierte Mitglieder, darunter sind Konzerne wie RWE, Eon, Siemens, Münchener Rück und die Deutschen Bank sowie die italienische Enel und die französische EdF. „Es ist ein gutes Signal, dass kapitalstarke Unternehmen in dieses Projekt investieren“, so Kemfert. Und das Risiko könnte sich durchaus lohnen: Das Wuppertal-Institut hat errechnet, dass die private Desertec-Initiative unter optimalen Bedingungen 2.000 Milliarden Euro bis 2050 umsetzen könnte – ein Betrag, der die Investitionen um das Fünffache übersteigt.

Neben der instabilen politischen Lage in den Menaländern gilt der Transport von Strom über längere Strecken als eine der größten Herausforderungen. Die französische Initiative „Transgreen“ möchte sich dieser Aufgabe stellen und plant, den Strom nach Europa via Unterseeleitungen zu befördern. Dabei sind die Franzosen keine Konkurrenz zu Desertec, sondern betreiben eher eine Art ergänzende Arbeitsteilung.

Integration der Strommärkte

Der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger arbeitet bereits emsig daran, die regulatorischen Voraussetzungen für das Projekt zu schaffen, um den Stromimport aus Nordafrika reibungslos in den Euroraum zu integrieren. Nach einem Treffen mit den Energieministern der Maghrebstaaten verkündetet er, dass erste Modellprojekte innerhalb der nächsten fünf Jahre starten werden. Zusätzlich würden die afrikanischen Staaten damit beginnen, ihre Strommärkte zu vereinheitlichen. Unabhängig davon ob und in welcher Form das Vorhaben umgesetzt wird, die Idee von Desertec ist bereits fest in allen Köpfen verankert.

Weitere Informationen:

Homepage Desertec

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014