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Interview

Jetzt erst recht

Desertec-Erfinder Knies über Krisen und Chancen in Nordafrika

Jetzt erst recht Jetzt erst recht
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Welche Folgen haben die dramatischen Umwälzungen in Nordafrika für Desertec? Darüber sprach ENERGLOBE.DE mit Gerhard Knies, der als geistiger Vater des Wüstenstromprojekts gilt.

Erst Tunesien, dann Ägypten, jetzt Libyen und Bahrain: Gefährden die politischen Unruhen in den so genannten MENA-Ländern (Middle East and Northern Africa, Anm. d. Red.) im Nahen Osten und Nordafrika das Wüstenstrom-Konzept Desertec?

Gerhard Knies: Eher im Gegenteil – die gegenwärtigen Veränderungen in Nordafrika verbessern mittel- und langfristig die Chancen für Desertec. So lange in den MENA-Staaten soziale, politische und gesellschaftliche Missstände von den Herrschenden nicht angegangen werden, besteht immer die Gefahr, dass der Druck anschwillt und früher oder später der Deckel vom Topf fliegt. Es ist in jedem Fall klüger, Entwicklungen zum Besseren für die einheimische Bevölkerung aktiv zu fördern und zu gestalten. Eine Kooperation zwischen Europa und Nordafrika, die vom Fortbestand des politischen Status quo abhängt, hätte eine sehr unsichere Basis.

Apropos: Wie lautet die kürzeste Definition von Desertec?

Knies: Clean power from deserts for a sustainable world with ten billion people – sauberer Strom aus den Wüsten für eine nachhaltige Welt mit einer Bevölkerung von zehn Milliarden Menschen.

Der Ausgangspunkt war aber doch eine langfristig sichere Energieversorgung für Europa…

Knies: Das stimmt. Aber auf den von mir genannten Kern hat sich die Idee in einem längeren internationalen Diskussionsprozess hinentwickelt. Der wird heute vor allem von Naturwissenschaftlern, zunehmend aber auch von Politikern und Leuten aus der Wirtschaft getragen. Lösen ließen sich auf diese Weise auch andere Fragen, die von der Energieversorgung abhängen. Zum Beispiel die Trinkwasserproduktion durch – sehr energieintensive – Meerwasserentsalzung, denn wir sprechen hier über einen konzeptionellen Ansatz für sauberen Strom im Überfluss: Die Erde erhält pro Jahr über 10.000-mal mehr Energie von der Sonne, als die gesamte Menschheit jährlich verbraucht.

Welche Vorteile bietet Solarthermie gegenüber Photovoltaik und Wind?

Knies: Solarthermie ist – wie Photovoltaik und Windkraft – völlig CO2-frei, wenn die Anlagen erstmal stehen. Das ist ihre maßgebliche Gemeinsamkeit und ihr Vorteil im Hinblick auf den Kampf gegen den Klimawandel. Stromerzeugung durch Solarthermie kann aber zusätzlich an schwankenden Bedarf angepasst werden, sie ist also eine regelbare Technologie.

Eine Charakteristik der erneuerbaren Energiequellen Sonne und Wind, die bei Photovoltaik und Windkrafträdern voll zu Buche schlägt, ist die unbeständige Energiebereitstellung. Die Sonne scheint nur am Tag, und wenn der Wind nicht weht, dreht sich kein Windrad. Da man Strom bisher nicht in relevanten Mengen speichern kann, sind Photovoltaik und Windenergie daher ohne ausreichende Reservekapazitäten in konventionellen oder Kernkraftwerken nicht geeignet, unseren Regelbedarf an Strom zu sichern. Genau das kann jedoch die Solarthermie. Mit dieser Technologie wird nicht direkt Strom produziert, sondern zunächst Wärme. Die treibt entweder direkt oder indirekt über Wasserdampf Turbinen an. In geschmolzenen Salzen kann Wärme zugleich effektiv zwischengespeichert und so auch nachts oder zu sonnenarmen Tageszeiten zur Dampferzeugung abgerufen werden. Darüber hinaus kann ein Solarthermiekraftwerk mit Dampf auf der Basis fossiler Brennstoffe wie Gas betrieben werden, wenn die Sonne mehrere Tage hinter Wolken verborgen ist. Das heißt: Solarthermie ist regelbar und grundlastfähig.

Sie plädieren für Desertec nicht zuletzt mit dem Argument, dass alle Schlüsseltechnologien dafür bereits anwendungsreif seien. Man müsse nicht mehr forschen, sondern nur noch bauen. Gibt es hochwirksame Parabolspiegel zur Konzentration des Sonnenlichts bereits, die Sahara-Sandstürmen standhalten?

Knies: Entsprechende Anlagen laufen bereits seit 20 Jahren – zum Beispiel in den USA, und jetzt auch in Ägypten. Im Übrigen sind die in der Solarthermie verwendeten Spiegel nicht hochsensibel, wie etwa in der Astronomie, sondern ziemlich robust. Sie werden beweglich montiert, um dem Sonnengang zu folgen, und können daher mit ihrer Rückseite in einen möglichen Sturm gedreht werden.

Ist Desertec eine Form von Entwicklungshilfe?

Knies: Nein, ich würde es anders formulieren: Desertec ist eine Entwicklungsgelegenheit für die Mena-Länder, die sie selbst ergreifen und umsetzen müssen. Marokko hat bereits einen nationalen Plan zur Errichtung von zunächst zwei Gigawatt solarthermischer Stromerzeugungskapazität vorgelegt. So gesehen ist Desertec sogar eine Gelegenheit in mehrfacher Hinsicht. Zum einen können diese Länder ihre eigene Energieversorgung grundsätzlich sichern. Das ist angesichts der dortigen Bevölkerungsentwicklung und des wirtschaftlichen Nachholbedarfs schon für sich eine immense Herausforderung, und zwar ganz unabhängig davon, ob Europa von dieser Energie etwas abbekommt oder nicht. Zum anderen können diese Länder aber längerfristig soviel und so preiswert Energie erzeugen, dass auch noch mit Gewinn exportiert werden kann.

Und wie kann Europa an Wüstenstrom partizipieren?

Knies: Um diese Frage zu beantworten, ist die Desertec Industrie Inititative gegründet worden, an der sich europäische Energiekonzerne, große Finanzdienstleister, aber auch Partner aus MENA-Staaten beteiligen. Bisher gibt es die notwendige wissenschaftlich-technische und industrielle Infrastruktur zum Aufbau von Desertec in den MENA-Staaten ja noch gar nicht,aber in Europa. Das ist eine solide Voraussetzung für Partnerschaft.

Eine ganz entscheidende Frage ist dabei die nach dem Geld, mit dem MENA-Staaten solarthermische Großkraftwerke bauen können, die nicht nur für deren Eigenbedarf, sondern auch für Europa Strom produzieren. Ein europäisches Einspeisegesetz mit einem in den Anfangsjahren subventionierten Garantiepreis für Wüstenstrom wäre eine Möglichkeit. Dass das funktioniert, hat die Entwicklung bei Solar- und Windenergie in Deutschland gezeigt. Jetzt wäre eine EU-Initiative nötig. Leider schauen die verantwortlichen Mandatsträger immer erst über den nationalen Gartenzaun, wenn die Krise bereits hereingebrochen ist. Dabei wäre mit nur einem Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben in Höhe von derzeit 1,5 Billiarden Dollar eine formidable Anschubfinanzierung für eine nennenswerte Wüstenstromproduktion hinzubekommen.

Die Franzosen haben ein eigenes Projekt aus der Taufe gehoben – Medgrid. Unter der Ägide von EdF. Sehen sie da eine Konkurrenz zu Desertec?

Knies: Das hängt davon ab, welche Intentionen Frankreich verfolgt. Medgrid zielt nicht auf Stromerzeugung, sondern darauf, Leitungskapazitäten für Strom zwischen Europa und Nordafrika zu bauen. Die wären eine ideale und notwendige Ergänzung zu Desertec.

Wie sehen Sie unter Klimaschutzaspekten die Perspektiven von CO2-Abscheidung (CCS, Anm. d. Red.)?

Knies: Nichts gegen CCS, wenn die Technologie denn großtechnisch funktionieren würde und die Sicherheitsfragen der CO2-Lagerung befriedigend beantwortet wären. Beides sind die Befürworter bisher schuldig geblieben. Auch die Antwort auf eine weitere, wichtige Frage steht aus: Wie viel könnte das teure CCS-Verfahren zur Lösung der Weltklimaprobleme tatsächlich beitragen – zum Beispiel im Hinblick auf CO2-Superemittenten wie China, Indien und Russland? Und was an CO2-Verpressung auf Öl- und Gasfeldern heute stattfindet, um dort die Ausbeute zu vergrößern, das läuft sogar auf eine Verschärfung des Klimaproblems hinaus: Es werden Rohstoffmengen gefördert, die doppelt so viel CO2 frei setzen, wie zu ihrer Förderung durch Verpressen versenkt wird!

Wann und wo wird das erste Desertec-Kraftwerk ans Netz gehen?

Knies: Dass es künftig solarthermische Kraftwerke geben wird, auf denen Desertec draufsteht, halte ich für unwahrscheinlich. Desertec ist ein europäisch-nordafrikanisches, und letztlich sogar ein globales Animationskonzept, ein Rahmenplan. Auch die Desertec Industrie Initative ist kein Investitionsverbund, sondern will Pilotprojekte initiieren und die politischen Rahmenbedingungen für viele Wüstenstromprojekte schaffen.

Zur Person:

Dr. Gerhard Knies ist Vorsitzender des Kuratoriums der Desertec-Foundation. Der 1937 geborene Experimentalphysiker arbeitete am DESY (Hamburg), am CERN (Genf) und am SLAC (Berkeley, University of California). 2003 war er Mitbegründer der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC), eines Netzwerks von Experten in den Bereichen erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit aus sechs europäischen und zehn MENA-Staaten. Knies ist Initiator des Desertec-Konzepts für globale Energie- und Klimasicherheit.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014