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Energiewende

Den Start wohl eher verpatzt

Die Energiewende hatte keinen guten Start und wird von der Finanzkrise bedroht. Ein Energieministerium wird immer notwendiger.

Den Start wohl eher verpatzt Den Start wohl eher verpatzt
Daniel Morsey

Frau Kemfert, würden Sie die erst vor einem halben Jahr beschlossene Energiewende als einen historischen Schritt bezeichnen?

Ja, dem würde ich zustimmen, da man in Deutschland anders als in anderen Ländern der Welt auf ein vorzeitiges Aussteigen aus der Atomenergie und auf langfristige Ziele bis 2050 setzt. Besonders wichtig sind der Ausbau der erneuerbaren Energien sowie die deutliche Steigerung der Energieeffizienz.

War der Start in die Energiewende dieser Bedeutung bislang eher angemessen oder verpatzt?

Den Start würde ich eher als verpatzt bezeichnen. Das mag auch mit der Finanzkrise zu tun haben, die die Welt wieder fest in Atem hält. Dabei darf aber die Energiewende nicht aus dem Blick geraten. In der Tat kann die Finanzkrise eine wichtige Achillesferse der Energiewende treffen: den dringend benötigten Ausbau der Infrastruktur, und zwar sowohl den der sogenannten Stromautobahnen, welche die mit Windstrom produzierten Strommengen von Norden nach Süden transportieren oder den der Stromtrassen ins europäische Ausland, als auch den Ausbau der Verteilnetze zur optimalen und intelligenten Kopplung von Stromangebot und -nachfrage. Wenn man bedenkt, dass der Bau der notwendigen Infrastruktur von der Genehmigung bis zur Inbetriebnahme an die 10 Jahre dauern kann, wird schnell deutlich, wie rasch jetzt die Investitionen getätigt werden müssen. Die Finanzkrise kann die notwendigen Investitionen verzögern. Umso wichtiger ist es, schnell und effektiv zu handeln.

Ist es nicht eine Illusion zu meinen, man könne schon jetzt einen fertigen „Masterplan” oder ein „Drehbuch” für die Energiewende präsentieren - anstatt sich in einen offenen Prozess zu begeben?

Ich halte es nicht für eine Illusion, würde es aber „Change Management Prozess” bezeichnen. Unternehmenslenker, die ein Unternehmen grundsätzlich neu ausrichten wollen, kennen diesen unerlässlichen Prozess. Er umfasst eine komplette Neu- und Umorientierung aller Kernbereiche. Auf die Energiewende bezogen heißt dies eine umfassende, entschlossene und zielgerichtete Umsetzung in allen relevanten Bereichen. Die Zielsetzung ist klar formuliert, jetzt muss die rasche Umsetzung folgen. Die Energiewende ist unglaublich komplex und hat zur Folge, dass in vielen Einzelbereichen lose Enden zusammengehalten, zusammengeführt und geschlossen werden müssen. Dafür bedarf es eines umfassenden Überblicks sowie schneller und beherzter Anpassungen und Änderungen. Das geht nur mit einem Ministerium, welches die Interessen zusammenführt, den Masterplan ausarbeitet und federführend für die Umsetzung verantwortlich ist. Fehler sind nicht erlaubt. Dafür ist das System zu fragil. Auch Trägheit kann sich schnell rächen. Somit bleibt zu hoffen, dass die derzeitige Finanzkrise nicht zu Fahrigkeit und Nachlässigkeit in punkto „Change Management Prozess” der Energiewende führt. Denn die Finanzkrise zeigt auch: schnelles Re(a)gieren ist durchaus möglich.

Solche Herausforderungen hat die Energiepolitik in dieser Dimension bislang nicht gekannt.

Es gibt wohl wenige Beispiele aus der Politik, die eine derartig umfassende Wende umfassen. Dennoch sind Politiker gewöhnt, rasch, flexibel und umfassend zu agieren. Zudem kann man aus der Wirtschaft lernen, dort sind „Change Management Prozesse” allgegenwärtig. Wichtig ist, dass die wesentlichen Punkte nicht aus dem Blickfeld geraten.

Wo stehen wir aus Ihrer Sicht in der Energiewende gegenwärtig wirklich?

Ich denke, dass wir gut im Zeitplan liegen, insbesondere der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt gut voran. Der Anteil der Atomenergie kann und wird problemlos durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Vor der Atomkatastrophe in Fukushima lag der Anteil von Atomstrom bei etwa 23 Prozent, der Anteil der erneuerbaren Energien liegt heute schon bei über 20 Prozent.

Der Anteil von Kohlestrom liegt derzeit bei etwas über 45 Prozent, der Rest kommt aus Gaskraftwerken. Wenn es nicht gelingt den Anteil von effizienten Gas-Kraftwärmekopplungsanlagen (KWK) deutlich zu erhöhen, droht ein Zubau von Kohlekraftwerken. Da in den kommenden zehn Jahren ungefähr die Hälfte der Kohlekraftwerke aus Altersgründen vom Netz gehen, wäre es ein guter Zeitpunkt gewesen, den Anteil von Kohlestrom deutlich zu mindern. Doch leider gehen in den kommenden fünf Jahren Kohlekraftwerkskapazitäten in Höhe von 20 GW ans Netz - so viel wie der heutige Anteil an Atomstrom. Das passt nicht wirklich in die Ziele einer nachhaltigen Energiewende.

Worauf kommt es "jetzt" an? Wofür muss das Jahr 2012 stehen?

Ich sehe vier Punkte, die in diesem Jahr angegangen, zumindest eingeleitet werden müssen, um in den kommenden Jahren umgesetzt werden zu können. Lassen sie mich darauf näher eingehen:

Erstens der Ausbau der Stromnetze: Der Ausbau und die Optimierung der Europäischen Stromnetze haben Priorität. Ein beschleunigter Ausbau ist dringend vonnöten. Erneuerbare Energien weisen hohe Volatilitäten auf. In Zeiten eines hohen Angebots erneuerbarer Energien reichen oft die Stromnetze nicht aus, um den überschüssigen Strom ins Inland oder Ausland weiterzuleiten. Insbesondere ist der Ausbau von Stromautobahnen elementar - innerhalb Deutschlands und der gesamten EU.

Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wird immer dezentraler, sodass man auf der Verteilnetzseite intelligente Stromnetze benötigt, die Angebot und Nachfrage besser als bisher in Einklang bringen.

Weiterhin ist es unerlässlich, dass mehr Speichermöglichkeiten geschaffen werden. Pumpspeicherkraftwerke sind derzeit allerdings die, wenn auch nur teilweise, einzig wirtschaftliche Form der Stromspeicherung. In der Zukunft sind auch innovative Stromspeicher, wie Batterien, Methan, Wasserstoff etc. möglich, die allerdings aufgrund der hohen Kosten derzeit schlichtweg unwirtschaftlich sind. Da die Optionen für Pumpspeicherkraftwerke in Deutschland begrenzt sind, sind wir ebenso auf andere EU Länder, zum Beispiel in der Alpenregion oder in Skandinavien, angewiesen. Um auch diese Potenziale nutzen zu können, benötigen wir dringend mehr Stromleitungen.

Zweitens benötigen wir eine geeignete Regulierung und Rahmenbedingungen. Damit die Anreize für den Bau und Einsatz von Gaskraftwerken steigen, sollte das Marktdesign angepasst werde. Eine kluge Regulierung kann helfen, die Kapazitäten zu fördern, die für ein nachhaltiges Energiesystem notwendig sind. Zum anderen sollte eine erfolgreiche Anpassung der Nachfrage auf Volatilitäten ermöglicht werden.

Um die Investitionen zu beschleunigen, sollten die Rahmenbedingungen insbesondere für die Vergütung der Infrastruktur, sowie für Stromspeicher und Reservekapazitäten so angepasst werden, dass Versorgungssicherheit und dynamischer Ausbau rasch zu schaffen sind. Geeignete finanzielle Anreize für Stromnetze und Speicher gehören genauso dazu, wie die notwenigen Stromkapazitäten zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage sowie die rasche Umsetzung aller Energiesparaktivitäten. Daher müssen nicht nur die finanziellen Mittel zur Unterstützung der energetischen Gebäudesanierung aufgestockt, sondern auch alle Sparpotenziale im Bereich der Mobilität ausgeschöpft werden.

Drittens geht es um mehr Energieeffizienz. Die Bundesregierung hat völlig zu Recht entschieden, dass die Energieeinsparpotenziale im Gebäudebereich genutzt werden müssen. Die Bürger können dadurch entlastet werden. Dazu bedarf es jedoch ausreichender finanzieller Mittel. Die KfW beziffert die notwendigen Gelder auf 75 Mrd. Euro. Die schwarz-gelbe Koalition will die Gelder aufstocken. Allerdings werden auch die anvisierten 1,5 Milliarden Euro kaum ausreichen, die Sanierungsquote zu erreichen, zumal die Länder die Umsetzung blockieren. Es wäre wichtig, rasch Lösungen zu finden und die Gelder massiv aufzustocken.

Nicht zuletzt benötigen wir viertens gesellschaftliche Akzeptanz. Die Akzeptanz in der Bevölkerung wird davon abhängen, wie gut man den Bürgern erklärt, um was es genau geht, welche Schritte notwendig sind und wie hoch die Belastungen und Entlastungen, zum Beispiel bei Gebäudesanierungen ausfallen. Daher ist es notwendig, dass nicht nur auf Bundes- und Landesebene sondern vor allem auf kommunaler Ebene viel Transparenz, Information und Partizipation geschaffen wird.

Was halten Sie von dem Ruf nach einem „Projektmanager” oder „Energieminister”?

Bereits 2006 habe ich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung ein Energieministerium gefordert. Ich denke, dass die jetzige Struktur nicht ausreicht, um ein so wichtiges Thema wie die Energiewende klug und richtig umzusetzen. Das Thema ist zu elementar, als dass man es in einzelnen Ministerien oder Agenturen zerfasert. Ich sehe darin auch keine Gefahr für Innovation und Wettbewerb - im Gegenteil. Ich sehe diese Gefahren eher, wenn man keinen Energieminister hat.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014