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Energieforschung

Kernfusion nicht vergessen

KIT-Präsident Eberhard Umbach zum Energiekonzept und den Kosten der Fusionsforschung.

Kernfusion nicht vergessen Kernfusion nicht vergessen
Foto: KIT

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist mit rund 8.700 Wissenschaftlern und Mitarbeitern die größte Energieforschungseinrichtung in Deutschland. Der Präsident des Instituts, Professor Eberhard Umbach, spricht im energlobe.de-Interview über die künftige Ausrichtung der Energieforschung, die Möglichkeit eines europäischen Atommüllendlagers und die Kosten der Fusionsforschung. Umbach appelliert für einen breiten Energiemix in der Zukunft.

Professor Umbach, sind Sie mit dem Energiekonzept der Bundesregierung zufrieden - stimmt der Kompass?

Eberhard Umbach: Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Es muss ein solches Konzept geben. Natürlich wird es kontrovers diskutiert, aber das ist bei einem so wichtigen Thema auch nicht anders zu erwarten gewesen.

Wo sehen Sie Probleme, Lücken und Widersprüche im Energiekonzept?

Umbach: Ich sehe vor allem sehr ehrgeizige Ziele, die aber kein Widerspruch sein müssen. Ich denke allerdings, dass die CO2-Reduktionsziele und der Ausbau der Erneuerbaren Energien überambitioniert sind und sich nicht in diesem Maße erreichen lassen, wenn der Umbau der Energieversorgung, wie angekündigt, auch wirtschaftlich sein soll. Es kann jedoch nicht schaden, sich hohe Ziel zu stecken. Andernfalls wird man zu wenig erreichen. Gleichzeitig muss man kritisch anmerken, dass das Konzept nur auf Deutschland bezogen ist. Eine internationale Einbettung fehlt bislang. Wir tun so, als ob wir eine Insel wären und alleine handeln könnten. Tatsächlich sind wir aber in den globalen Handel und den weltweiten Klimawandel eingebunden.

Welche Vorhaben sind Ihrer Meinung nach besonders schwierig umzusetzen?

Umbach: Speichertechnologien, die Vernetzung sowie der Ausbau des internationalen Stromnetzes und die Laufzeitverlängerung, die in Deutschland enorm unter ideologischen Gesichtspunkten diskutiert wird. Dazu muss ich anmerken, dass wir mit einer längeren Laufzeit gerade das tun, was für das Klima nötig ist. Würden wir die Kernkraftwerke jetzt abschalten, hätten wir noch mehr Kohlestrom und einen um 15 Prozent erhöhten CO2-Ausstoß. Ein vollständiger Umbau der Energieversorgung auf regenerative Energien geht nur auf einer entsprechend langen Zeitskala. Dabei kann die Kernenergie als Brücke dienen, um Zeit zu gewinnen.

Die Kernenergie hat aber neben Sicherheitsrisiken und Akzeptanzproblemen in der Bevölkerung ein weiteres großes Manko: Die Endlagerfrage ist noch ungelöst. Wäre auch ein gesamteuropäisches Lager denkbar?

Umbach: Das wird schwierig werden, denn jeder ist für seinen Atommüll selbst verantwortlich. Aber man ist im engen Kontakt mit den Nachbarstaaten, um Endlagerkonzepte zu entwickeln. Ich sehe außerdem eine große Chance in der Transmutation von langlebigen radioaktiven Abfällen. Ein Verfahren, das durch Neutronenbeschuss die langwierigen Isotope entschärft, sodass am Ende weniger radioaktiver Abfall anfällt. Dadurch könnten das Problem der Endlagerung vereinfacht und die Ängste der Bevölkerung gelindert werden. In jedem Fall ist jedoch noch Endlagerforschung nötig, um mit einem so kritischen Thema entsprechend umzugehen.

Welche Schwierigkeiten sehen sie beim Speicher- und Netzausbau?

Umbach: Im Moment haben wir unzureichende Stromnetze, vor allem wenn wir die Einspeisung von Strom aus Erneuerbaren Energien an entlegenen Standorten forcieren wollen, wie bei Offshore-Windparks in der Nordsee oder Solarstrom aus Nordafrika. Ein verstärkter Netzausbau wird sich aber mit einer heftigen Abwehrbewegung aus der Bevölkerung auseinandersetzen müssen. Das Stichwort „smarte Netze“ fällt oft in diesem Zusammenhang. Die werden aber in ihrer quantitativen Bedeutung und Akzeptanz beim Verbraucher eher überschätzt. Vor allem muss der beschleunigte Ausbau der regenerativen Energien und der Elektromobilität von einer massiven Weiterentwicklung bezahlbarer Speichertechnologien begleitet werden. Sonst sind weder die bereits jetzt sehr hohen deutschen Strompreise in Grenzen zu halten, noch kann die Versorgungssicherheit gewährleistet werden. Dies ist vielleicht die größte Herausforderung im Bereich der Energieversorgung.

Ein Konzept zur Energieforschung ist bislang nur angedeutet. Sind die Schwerpunkte richtig gesetzt? Wie sieht die Roadmap aus?

Umbach: Anfang nächsten Jahres soll es ein ausgereiftes Forschungskonzept geben. Dieses wird vermutlich stark auf Erneuerbare Energien ausgerichtet sein, wie auch das Energiekonzept. Hier sind aber die bereits angeschnittenen, ganz entscheidende Fragen zu lösen: Der Ausbau der Stromnetze und die Entwicklung von Speichertechnologien, um die Schwankungen von Sonnen-und Windenergie auszugleichen. Der Forschungsbedarf in diesen Feldern ist riesig, wenn Ökostrom einen deutlich größeren Beitrag liefern soll.

Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten 40 Jahren einen breiten Energiemix brauchen werden, zu dem die Erneuerbaren Energien wesentlich, aber sicher nicht überwiegend beitragen werden. In diesem Zeithorizont kann auch die Kernfusion heranreifen und zur Versorgung beitragen – auch wenn es heute noch viele technische und wissenschaftliche Fragen zu beantworten gibt. Sie könnte uns helfen, das Gesamtkonzept zu unterstützen.

Die Kosten für das europäische Fusionsforschungsprojekt ITER haben sich kürzlich verdreifacht. Verschlingt das Vorhaben nicht zu viele Forschungsmittel?

Umbach: Die ITER-Kosten sind in der Tat sehr stark gestiegen. Aber das ist zum großen Teil in den komplizierten internationalen Gefügen des Projekts begründet, zum Beispiel in komplexen Leitungs- und Gremienstrukturen und in der Verteilung der Entwicklungsbeiträge nach Proporz und nicht nach Potenz. Außerdem muss man die Kosten über einen Zeitraum von vielen Jahren und in Relation zu anderen Energieträgern sehen. Zum Beispiel zu den stark anwachsenden Milliardensummen, die der Verbraucher jedes Jahr durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Ökostrom investiert und zu dem Geld, das in die Entwicklung Erneuerbarer Energien fließt. Dann muss man sagen, dass die Fusionsforschung einen vergleichsweise geringen Aufwand darstellt und wir uns eigentlich noch mehr Forschung leisten müssten.

Demnach halten Sie die Investitionen in die Fusion unter dem Strich für gerechtfertigt?

Umbach: Ich halte es für absolut notwendig, in die Fusion zu investieren. Vor allem, weil wir heute nicht die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen sowie klimatischen und wissenschaftlich-technischen Randbedingungen für das Jahr 2050 kennen. Vielleicht brauchen wir dann die Fusion nötiger als andere Energieträger. Wenn wir jetzt nicht Vorsorge-Forschung betreiben, machen wir einen riesigen Fehler. Zu glauben, dass wir die Zukunft und damit den Energiemix in 40 Jahren kennen, ist eine Hybris, die die Menschheit immer wieder befällt. Wir sollten aus unserer eigenen Geschichte lernen.

Weitere Informationen:
Homepage des KIT

Das Energiekonzept der Bundesregierung auf der Seite des Bundeswirtschaftsministeriums, www.bmwi.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014