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Kernenergie

„Restrisiko wird fassbar“

Soziologe Ortwin Renn über die neue Gefahrenwahrnehmung durch Kernreaktoren.

„Restrisiko wird fassbar“ „Restrisiko wird fassbar“
ENERGLOBE.DE, Denny Rosenthal

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) weiß, dass eine neue Zeitrechnung begonnen hat: „Die Katastrophe in Japan ist eine Zäsur in der Geschichte der technisierten Welt.“ Auch die Menschen in Deutschland werden die Gefahren durch Kernenergie künftig anders bewerten. Das Restrisiko sei nun zu einem fassbaren Risiko geworden, erklärt der renommierte Soziologe Ortwin Renn im Interview mit ENERGLOBE.DE. Langfristig werde die Zahl der Atomkraftgegner dadurch höher sein als vor dem Unglück.

Professor Renn, welche Auswirkung hat die Kernschmelze in Japan auf die Wahrnehmung der Sicherheit von Kernenergie in Deutschland?

Ortwin Renn: Nach einer Blitzumfrage sind jetzt fast 80 Prozent der Deutschen für eine schnellere Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke. Diese hohe Zahl wird sich im Zeitverlauf wieder etwas nach unten bewegen. Aber ähnlich wie nach Tschernobyl, als die Kritiker verstärkt Zulauf hatten, pegelte sich das Verhältnis zwischen Befürwortern und Gegnern später bei 40 zu 60 ein. Dieses Niveau wird nach dem japanischen Reaktorunfall nicht mehr herrschen: Der Sockel an Gegnern wird langfristig höher sein als früher.

Bewerten die Menschen das auch vorher bekannte Risiko jetzt anders?

Renn: Sicherlich. Bislang sind die meisten davon ausgegangen, dass die Risiken der Kernenergie nur hypothetischer Natur seien. Tschernobyl wurde als Schrottreaktor und als Ausnahme eingestuft, die auf westliche Atomkraftwerke nicht zu übertragen sei. Nun hat sich die Wahrnehmung sehr geändert. Das Restrisiko ist zu einem fassbaren Risiko geworden. Dies wird auch die Zukunft der Risikowahrnehmung bestimmen.

In Japan stand man der Kernenergie sehr positiv gegenüber. Warum war die Einstellung gegenüber dieser Technologie so unkritisch?

Renn: Die Umfragen haben belegt, dass die Japaner die Risiken der Nukleartechnologie ähnlich bewerten wie die Deutschen. Sie sahen aber die Vorteile für so gewichtig an, dass man diese Risiken in Kauf genommen hat. Denn Japan hat so gut wie keine fossilen Energievorräte. Zudem ist die Protestkultur in Japan anders als bei uns. Es braucht viel, bis Japaner auf die Straße gehen, dann können sie aber sehr rabiat werden. Deshalb bleibt es abzuwarten, ob wir in Zukunft wesentlich härtere Auseinandersetzungen um die Zukunft der Kernenergie in Japan erleben werden.

Zur Person:

Ortwin Renn ist Lehrstuhlinhaber für Technik- und Umweltsoziologie an der Universität Stuttgart und Direktor des gemeinnützigen Forschungsinstituts Dialogik. Er ist ein international anerkannter Risikoforscher und Vorsitzender des Nachhaltigkeitsbeirats von Baden-Württemberg (NBBW).

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014