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Artenvielfalt

Was kostet die Welt?

Forscher berechnen Nutzen und Wert von Ökosystemen – um bessere Argumente für ihren Schutz zu haben.

Was kostet die Welt? Was kostet die Welt?
energlobe.de, Denny Rosenthal

Der Materialwert eines Vogelskeletts: 1,5 Cent. Sein Nutzen, unter anderem bei der Bekämpfung von schädlichen Insekten und der Verbreitung von Pflanzensamen: 154,09 Euro. Der Genuss, sein Zwitschern an einem lauen Sommerabend zu hören: unbezahlbar.

Was kostet die Welt? Diese Frage ist im Jahr der Biodiversität nicht rhetorisch gemeint, sondern wörtlich zu nehmen. Dahinter stehen Bemühungen, der Natur und ihrem Nutzen für die Menschen einen berechenbaren Wert zuzuordnen. Für das Blaukehlchen hat dies übrigens vor 27 Jahren der Biokybernetiker Frederic Vester gemacht.

Es herrscht ein Korallenriff-Notstand

Seit 2007 arbeiten Wissenschaftler an der internationalen TEEB-Studie. Das Kürzel steht für „The Economics of Ecosystems und Biodiversity“, zu deutsch: die Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität. Die Studie unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen wird von dem Ökonomen Pavan Sukhdev geleitet, der von der Deutschen Bank eigens für diese Aufgabe abgestellt wurde. Auf der ganzen Welt arbeiten Wissenschaftler an diesem Forschungsprojekt mit, das auf eine Initiative der G8-Umweltminister zurückgeht. Koordiniert wird ihre Arbeit vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Ziel der TEEB-Studie ist es, den ökonomischen Wert der Biodiversität bekannt zu machen – zum Beispiel, indem man die Kosten berechnet, die ein Verlust an Artenreichtum und Ökosystemen bedeuten würde.

Aufsehen erregten die Wissenschaftler, die im November 2010 ihren Abschlussbericht vorlegen, bereits mit dem Befund eines „Korallenriff-Notstands“: Durch den Klimawandel und die Erwärmung der Meere könnten Korallenriffe binnen weniger Jahrzehnte aus den Meeren verschwinden – und mit ihnen die Lebensgrundlage einer halben Milliarde Menschen. „Die Ökosystemdienstleistungen der Korallenriffe – die vom Küstenschutz bis zu Fischzuchtanlagen reichen – haben einen Wert von bis zu 170 Milliarden US-Dollar pro Jahr“, sagt Sukhdev.

Geld soll nicht alles sein

Diese Zahlen, so hoffen Sukhdev und seine Forscherkollegen, sollten Politiker von der Notwendigkeit, sensible Ökosysteme zu schützen, überzeugen. Doch unter Naturschützern wird auch Kritik laut an der Ökonomisierung der Natur. „Die Natur an sich kann man nicht quantifizieren, nur sinnvolle Teilbereiche“, schränkt Beate Jessel ein. Die Chefin des Umweltbundesamtes ist Koautorin des Buches „Produktivkraft Natur“, das einen ähnlichen Ansatz wie die TEEB-Studie verfolgt und in zehn Kapiteln darlegt, welchen geldwerten Nutzen die Natur beispielsweise für Tourismus und Medizin erbringt. Daran mitgeschrieben hat auch Olaf Tschimpke, der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland. Das Buch und sein Thema seien eine Art Strategiewechsel der Naturschützer, erklärte Tschimpke bei der Buchpräsentation im Herbst 2009. Schließlich sei man in der Vergangenheit mit moralischen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung nicht gerade auf offene Ohren gestoßen. Versucht man es eben mit dem, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält: Geld.

Der Kompass ist kaputt

Doch es geht um mehr als darum, der Natur ein Preisschild aufzukleben. Initiativen wie die TEEB-Studie sollen helfen, einen erweiterten Wohlstandsbegriff zu entwickeln. „Wir segeln mit einem veralteten und defekten ökonomischen Kompass“, schrieb Pavan Sukhdev in einem Zwischenbericht. Das Bruttosozialprodukt hat in den Augen vieler Ökonomen als Indikator für den Wohlstand eines Landes ausgedient, unter anderem, weil die Kosten, die womöglich durch die Ausrottung des Blaukehlchens entstehen, in dessen Berechnung nicht erfasst sind – ebenso wenig wie der Nutzen. Und den kann man eben nicht mit einer Kreditkarte bezahlen.

Weitere Informationen:

Studie und die Zwischenberichte zum Download: www.teebweb.org

Beate Jessel, Olaf Tschimpke, Manfred Walser: Produktivkraft Natur, Hoffmann und Campe, Hamburg 2009. Website zum Buch: www.wirtschaft-und-natur.de

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014