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Klimapolitik ohne Diktat der Wissenschaft

2 Grad sind passé - was kommt jetzt?

Wissenschaft verliert Dominanz in Klimapolitik

2 Grad sind passé - was kommt jetzt? 2 Grad sind passé - was kommt jetzt?
Collage: Energlobe

Lassen Sie uns mit einem kleinen Gedankenexperiment beginnen: Wenn Wissenschaftler und Politiker gemeinsam ein „wissenschaftsbasiertes Klimaziel“ entwickeln, dieses erfolgreich als weithin anerkannte Grenze zum „gefährlichen Klimawandel“ etablieren, daraus ein globales CO2-Budget ableiten und schließlich „machbare“ globale Emissionsreduktionspfade definieren – was wird wohl passieren, wenn die weltweiten Treibhausgasemissionen einfach weiter ansteigen, Jahr für Jahr für Jahr?

Die Antwort ist verblüffend einfach, so einfach, dass niemand darüber zu sprechen wagt: Die Politik wird sich ein neues Ziel suchen!

Sobald der Punkt erreicht ist, an dem der Mainstream der Klimawissenschaften zu dem Schluss kommt, dass das übergreifende klimapolitische Ziel einer Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf 2 Grad Celsius nicht mehr länger zu halten ist, werden wir einen fundamentalen Wandel in der internationalen Klimapolitik erleben.

Und dieser Moment kann nicht mehr allzu weit entfernt sein. Wenn man die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Klimapolitikberatung (wie dem jährlich erscheinenden „Emissions Gap Report“ der UN-Umweltorganisation UNEP) ernst nimmt, dann müssen die globalen Emissionen zwischen 2010 und 2020 bereits um 10-15% zurückgehen, um das 2-Grad-Ziel noch in Reichweite zu halten. Doch der Trend beim weltweiten Treibhausgasausstoß weist nach wie vor in die entgegengesetzte Richtung, und es wird unmöglich sein, ihn binnen weniger Jahre zu drehen.

Sieht man genauer hin, lassen sich jedoch bereits Versuche ausmachen, den Entscheidungs-Zeitpunkt über die Realisierbarkeit des 2-Grad-Ziels nach hinten zu verschieben. Zentral ist dabei das letztmögliche Jahr für den globalen Emissionsgipfelpunkt. Klimaforscher und wissenschaftliche Politikberater justieren die Grundannahmen ihrer Transformationsmodelle permanent nach. Die Höhe der als machbar angesehenen jährlichen Reduktionsraten wächst stetig, auch der Umfang der „negativen Emissionen“ (v.a. aus Biomasse-CCS) in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Auf diese Weise bleibt es im Klimadiskurs stets „5 vor 12“.

Aber wenn die globalen Emissionen auch in den kommenden Jahren kontinuierlich weiter ansteigen sollten(wie übrigens schon seit Beginn der UN-Klimaverhandlungen), werden diese Nachjustierungen nicht mehr ausreichen, um die 2-Grad-Obergrenze noch zu retten.

Für die Politik ist vollkommen klar, dass ein Ziel, das offensichtlich unerreichbar ist, weder eine positive symbolische Funktion noch eine effektive Steuerungswirkung erfüllen kann. Deshalb wird sie versuchen, dass zentrale Ziel der internationalen Klimapolitik zu modifizieren. Aber da die Wissenschaft eine sehr einflussreiche Position in der Klimapolitik hat und da die bisherige Zielformel als „wissenschaftsbasiert“ gilt, wird die Politik das Ziel nicht im Alleingang ändern können.

Dennoch sitzt die Politik eindeutig am längeren Hebel. Letztendlich werden es die Staats- und Regierungschefs der größten Emittenten sein, die maßgeblich über ein neues Klimaziel entscheiden. Sie können das 2-Grad-Ziel entweder neu interpretieren, zum Beispiel als Benchmark, die temporär (d.h. für mehrere Dekaden) überschritten werden darf. Oder aber sie einigen sich auf ein abgeschwächtes Ziel (2,5 oder 3 Grad). Möglich ist auch, dass sie überhaupt kein globales Stabilisierungsziel mehr verabschieden, also darauf verzichten, einen exakt definierten, langfristigen Gleichgewichtszustand des Weltklimas zu erreichen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die EU eine bloße Neu-Interpretation des 2-Grad-Ziels favorisieren wird.  Aber selbst bei dieser Lösung, die es immerhin ermöglicht das 2-Grad-Ziel begrifflich aufrecht zu erhalten, müsste die Klimapolitik eingestehen, dass  es möglich ist, die 2-Grad-Marke zunächst zu durchbrechen. Dies allerdings würde die Wissenschaft unter einen enormen Druck setzen, die Grenze zum „gefährlichen Klimawandel“ entweder zu verschieben oder gänzlich fallen zu lassen.

Selbstverständlich resultiert die absehbare Notwendigkeit einer Modifikation des 2-Grad-Ziels vor allem aus der anhaltenden Erfolglosigkeit der internationalen Klimapolitik. Dennoch ist das Scheitern der bisher gültigen Obergrenze auch ein Scheitern des bislang dominanten Ansatzes der klimawissenschaftlichen Politikberatung;  dem Versuch, die Bandbreite der denkbaren klimapolitischen Optionen durch die Etablierung „wissenschaftsbasierter“ Klimaziele zu beschränken. Doch was lange Zeit als nicht verhandelbare, planetarische Leitplanke bzw. Grenze galt, wird nun zum Gegenstand einer (öffentlich mehr oder weniger sichtbaren) Neu-Verhandlung.

Der problem-zentrierte Modus umfassender umweltpolitischer Steuerung, der mit dem 2-Grad-Ziel und dem daraus abgeleiteten globalen Emissionsbudget einhergeht, ist letztlich nicht mit der in der Politik vorherrschenden, akteurs-zentrierten Handlungslogik zu vereinbaren. Die zentrale Schwäche des bisher dominanten Ansatzes liegt demnach in der mangelnden Berücksichtigung politischer Rationalitäten. Es fehlt eine realistische Vorstellung davon, welchen Regeln multilaterale Organisationen, nationale Regierungen und politische Parteien im Alltag tatsächlich folgen.

Nicht einmal die EU oder ihre Mitgliedstaaten wie Deutschland oder UK, die ihre Klimapolitik explizit als „wissenschaftsbasiert“ bezeichnen, sind tatsächlich willens oder in der Lage, sich der rigiden Logik eines Emissionsbudgets zu unterwerfen, da dies bedeuten würde, bereits heute zu entscheiden, Emissionsminderungen für die nächsten vier Dekaden an die Spitze der politischen Agenda zu rücken.

Im Prozess einer Modifikation des 2-Grad-Ziels wird sich die Klimapolitik re-politisieren, während sich die Klimaforschung zunehmend verwissenschaftlichen wird. Die EU wird sich nicht länger darauf verlassen können, dass die internationale Wissenschaftsprominenz ihre klimapolitischen Präferenzen  unterstützt. Die Klimawissenschaften wiederum werden akzeptieren müssen, dass ihr vergleichsweise privilegierter Status auf den Zugang zu Medienöffentlichkeiten und Forschungsmitteln beschränkt bleibt, während ihr politischer Einfluss kaum größer ausfallen dürfte als dies auch in anderen Politikfeldern üblich ist.

Insbesondere klimawissenschaftliche Politikberater werden ihre Rolle überdenken müssen. Wenn sie in den Medien oder vor Parlamentsausschüssen auftreten, sollten sie künftig der Versuchung widerstehen, aus der enormen Fülle und Bandbreite klimawissenschaftlichen Wissens explizite politische Forderungen abzuleiten. Vielmehr sollten sie sich darauf beschränken, die Bedingungen und Konsequenzen verschiedener Politikpfade aufzuzeigen.

Dr. Oliver Geden ist Senior Research Fellow und Experte für EU-Energie- und Klimapolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Dort erschien von ihm zuletzt die Studie „Die Modifikation des 2-Grad-Ziels“.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014