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Das grosse Rennen nach Europa

Anspannung vor dem Champions-Finale

Bekanntwerden von Rankings der EU stiftet Verwirrung um TAP und Nabucco

Anspannung vor dem Champions-Finale Anspannung vor dem Champions-Finale
Grafik: ENERGLOBE

In einem Champions-League-Finale geht es für alle Fussball-Beteiligten um ein Millionengeschäft und es lohnt sich immer, die Stimmung und die Gerüchteküche schon vorher anzuheizen, um den Gegner zu schwächen. Jeder Fan in Europa weiss das. Was soll man also anderes erwarten, wenn es um ein Champions-League-Finale der besonderen Art und dabei nicht mehr um Millionen sondern Milliarden geht: Österreich gegen Italien! Wer wird das Ende der Erdgaspipeline bekommen, die im Kaspischen Meer beginnt, und welche Pipeline wird es sein - Nabucco/West oder die Trans Adriatic Pipeline, kurz TAP genannt?
Noch verbleiben zwei Wochen bis zur Entscheidung und drei bis zur Verkündung. Am 28. Juni will das Shah-Deniz-Konsortium bekannt geben, wer das kaspische Erdgas nach Europa transportieren darf und damit für die EU den "Südlichen Erdgaskorridor" öffnet, eines der für Jahrzehnte milliardenschweren Infrastrukturprojekte der Europäischen Kommission.
Offiziell heisst es, die Entscheidung liege allein in den wirtschaftlichen Erwägungen des Konsortiums - was aber für Medien kein Verdikt darstellt, daran zu zweifeln und zu anderen Analysen und Darstellungen zu gelangen. Welchen Einfluss sie auch immer haben mögen, “ganz ohne” scheinen sie nicht zu sein, denn vor einem grossem Finale können sie wirksame Verwirrungen stiften - ein Beispiel:

In den ersten Maitagen erschienen zeitgleich zwei sehr gegensätzliche Artikel, die sich mit den künftigen Pipeline-Projekten im Südlichen Erdgaskorridor beschäftigten. In der IP Internationale Politik gab Friedbert Pflüger eine Übersicht zu der vergangenen und momentanen Entwicklung der beiden Finalisten Nabucco/West und TAP (siehe auch ENERGLOBE international). Pflüger kommt zu dem Schluss, dass beide Projekte sich inzwischen ein wirtschaftlich gleichwertiges Kopf-an-Kopf-Rennen um das Gas der Azeris liefern würden und Nabucco/West seine Favoritenstellung der Vergangenheit nicht habe verteidigen können.
Folgt man dagegen einem nicht näher unterzeichneten Bericht der Natural Gas Europe (NGE), so gäbe es entgegen Pflügers Darstellung innerhalb der EU-Kommission ein klares Ranking für Nabucco. NGE spricht ohne Quellenangabe von einem aktuellen Papier einer Working Group unter Federführung der DG Energy, in der TAP zwar als Projekt von europäischem Interesse (PCI) bestätigt aber zugleich deutlich schlechter als Nabucco bewertet werde. Dieses Ranking aus Brüssel, so die NGE, favorisiere Nabucco weiterhin sehr deutlich und sei auch der Adminiistration in Baku bekannt, da Vertreter des Shah Deniz Konsortiums den Sitzungen der Working Group als Beobachter beigewohnt hätten. Dem Artikel folgten in Fachkreisen erhebliche Verwirrung und Verärgerung. Begründet?

Nach anfänglichen Recherchen von Energlobe in Brüssel antwortete die DG Energy auf Anfragen abweisend mit Informationsbroschüren zur Arbeit von Working Groups. Dabei läßt sich aus dem Papier der “Ad Hoc Regional Group” vom 29. April 2013, das Energlobe vorliegt, der Schluss eines Nabucco favorisierenden Rankings so klar gar nicht ableiten. Vereinfacht gesagt handelt es sich um zwei, ein qualitatives und ein quantiatives Ranking. Offensichtlich dem größeren Durchgangsvolumen geschuldet, führt Nabucco das quantitative Ranking vor TAP an, während TAP sehr deutlich in den qualitativen Kriterien vor Nabucco rangiert. Nach Informationen aus mit der Materie vertrauten Kreisen, soll TAP auch noch in dem vorhergehenden quantitativen Ranking geführt haben. In diesem Ranking wären aber Projekte die durch viele Länder führten, wie Nabucco, benachteiligt gewesen, so dass man die Methodologie geändert haben soll. Sehr detailierten Kriterien für die Bewertungen gehen aus dem Papier nicht hervor.

Also doch ein offenes Kopf-an-Kopf-Rennen, wie Pflüger meint?

Zwei Wochen vor der Entscheidung in Baku hat sich das Nabucco-Konsortium mit der Beteiligung von GDF Suez weiter für künftige Finanzierungen gestärkt, wie Finanzchef Frank Siebert erklärte. Auf der anderen Seite haben sich aber ganz aktuell die Länder des Adriatisch Ionischen Rates – Albanien, Bosnien Herzegowina, Kroatien, Griechenland, Italien, Montenegro, Serbien und Slowenien - erst vor wenigen Tagen während ihres Treffens in Brüssel in ihrer Abschlusserklärung klar zu TAP bekannt.
Dazu verwies Nabucco-Sprecher Christian Dolezal gegenüber Energlobe für Nabucco auf die bestehenden gesetzlichen Rahmenverträge auf Regierungsebene mit Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und der Türkei, während TAP-Sprecher Michael Hoffman gegenüber Energlobe in der Erklärung nicht nur eine starke politische Willensbekundung für TAP sieht, sondern auch ein klares Signal in Richtung der Regierungen von Aserbaidschan, der USA, Deutschlands, der EU und des Shah-Deniz-Konsortiums.

Das hört sich wie ein Kopf-an-Kopf-Rennen an, oder? Am 28. Juni wird die Entscheidung des Shah-Deniz-Konsortiums, bestehend aus BP, Statoil und Socar, bekannt gegeben.

Post Scriptum
(auch zu lesen unter ENERGLOBE/Aspekte)

Fragen an Friedbert Pflüger zwei Wochen vor der Entscheidung des Shah Deniz Konsortiums 

Herr Pflüger, hat es sie nicht überrascht, zeitgleich zum Erscheinen ihres Artikels Anfang Mai von einem Working Group Paper der Europäischen Kommission zu lesen, in dem das Nabucco-Projekt im Ranking deutlich vor TAP rangieren soll?

Das hat mich überhaupt nicht überrascht, denn für die EU ist Nabucco schon seit langer Zeit das Synonym für die südlichen Gasimporte Europas, dadurch entstanden viele Kontakte und Bindungen. Nabucco hat lange Zeit Führungsarbeit geleistet, aber jetzt tritt auf der Zielgeraden der leichtere Sprinter, TAP, aus dem Windschatten. Manche haben das leider noch nicht zur Kenntnis genommen.
Die Entscheidung wird aber nicht in Brüssel nach geostrategischen sondern in Baku nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten durch das Shah-Deniz-Konsortium getroffen.

Hat sich aus ihrer Sicht die Haltung der EU-Kommission zu den beiden Projekten inzwischen in Richtung Neutralität verändert?

Energiekommissar Günther Oettinger hat mehrfach seine Neutralität hinsichtlich des jeweiligen Konsortiums unterstrichen. Es steht außer Frage, dass die EU sich neutral verhält. Für sie kommt es in erster Linie auf die Diversifizierung der Gasimporte Europas an. Die genaue Auswahl obliegt einer ökonomischen Entscheidung, in die sich die EU klugerweise nicht einmischt.

Welche Bedeutung messen Sie den in der vergangenen Woche gegebenen Empfehlungen des Adriatisch-Ionischen Rates für TAP zu?

Das ist eine wichtige Unterstützung für TAP. Durch meine Arbeit in Albanien habe ich selbst erlebt, wie sehr man in der ganzen Region große Hoffnungen auf TAP setzt, also nicht nur für Albanien sondern auch für die Stabilität im ganzen südlichen Balkan.

Welchen Unterschied würde es für die Versorgung Europas mit Kaspischem Erdgas aus Ihrer Sicht machen, wenn man sich für TAP oder für Nabucco entscheiden würde?

Noch einmal: Entscheidend ist die Diversifizierung der Gasimporte für Europa. Wir erwarten azerisches Gas, wir erwarten um 2017/18 LNG aus den USA und wir erwarten vielleicht auch Gas aus dem Nordirak. Hinzu kommt Gas aus dem östlichen Mittelmeerraum - Türkei, Zypern und Israel. Übrigens plant auch Katar, seine Erdgaslieferungen auszudehnen und erwägt deshalb gegenwärtig eine Strompreis-Indexierung seiner LNG-Exporte. Das sind die guten Nachrichten für europäische Gaskunden und bringt diejenigen unter enormen Druck, die glaubten, ihre Geschäftsmodelle auf Jahrzehnte hinaus mit hohen Gaspreisen festschreiben zu können.

Günther Oettinger betonte in den vergangenen Wochen bei offiziellen Anlässen immer wieder, dass es sich bei der Entscheidung durch das Shah-Deniz-Konsortium für Europa vor allem um einen ersten Schritt zur Öffnung des Südlichen Gaskorridors handeln würde. Sehen Sie darin auch die Möglichkeit, beide Projekte letztlich nicht nur als ein Entweder/Oder zu betrachten, sondern durchaus als ein Nacheinander?

Das ist absolut möglich, denn beide Konsortien haben sehr viel Aufwand und Geld in die Entwicklung ihrer Projekte investiert. Ich sehe durchaus die Möglichkeit, dass das Shah-Deniz-Konsortium einer Pipeline den sofortigen Zuschlag gibt und der anderen eine Perspektive für die kommenden Jahre.

Wie sehen sie die gegenwärtige Einstellung der Bundesregierung, die sich ebenfalls lange Zeit für das Nabucco-Projekt ausgesprochen hat?

Die Bundesregierung verhält sich bislang neutral. Allerdings bleibt nach dem Rückzug von RWE aus dem Nabucco-Konsortium nur noch ein deutsches Unternehmen übrig, Eon, dass Karten im Spiel hat – im TAP-Konsortium. Deshalb könnte ich mir gut vorstellen, dass die Bundesregierung eine vorsichtige Unterstützung von TAP ins Auge fasst. 

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014