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Energiesicherheit

Die Energiesicherheit wird 100!

Gedanken über resiliente Energiesysteme

Die Energiesicherheit wird 100! Die Energiesicherheit wird 100!
Collage: Energlobe

Am 17. Juli 1913, vor fast genau 100 Jahren, ergriff der Erste Lord der britischen Admiralität, Winston Churchill, im britischen Unterhaus das Wort. Die britischen Kriegsschiffe sollten zukünftig nicht mehr mit Kohle, sondern mit Öl angetrieben werden,um so schneller und kostengünstiger als die deutsche Flotte zu werden. Dies allerdings bedeutete, das die britische Marine heimische Kohle durch persisches Öl ersetzen musste. Den Kritikern der Opposition, die auf die dadurch entstehenden Risiken für die Versorgung hinwiesen, hielt Churchill entgegen, dass London niemals in Abhängigkeit von einem Land, einer Route, einem Energieträger oder einem (Öl)feld geraten dürfe: „Die Sicherheit der Versorgung mit Öl liegt in der Vielfalt und nur in der Vielfalt.“ - Damit hatte Churchill das Schlüsselthema aller zukünftigen Debatten über Energiesicherheit skizziert: die Diversifizierung der Energieversorgung.

60 Jahre später, im Oktober 1973, schockte die OPEC mit ihrem Ölembargo die westliche Welt. Die Industrienationen hatten sich, Churchills Mahnung vergessend, schon seit langem in eine erhebliche Abhängigkeit von den ölproduzierenden Ländern vor allem im Mittleren Osten gebracht. Nun vervierfachten sich die Ölpreise, die Konjunktur brach ein, und über Nacht zeigte sich, dass sich die weltpolitischen Gewichte verschoben hatten: Die Förderländer im „Süden“ waren plötzlich zu einer Macht geworden. Der „Norden“ erschien durch die „Waffe Öl“ zum ersten Mal verwundbar.

Als Reaktion auf die damalige Ölkrise wurde Energiesicherheit zum wichtigsten Thema für die westlichen Industrieländer. Im Energievertrag von Washington von 1974 einigten sie sich auf konzertierte Reaktionen im Falle zukünftiger Unterbrechungen der Energieversorgung. So entstand z.B. die sogenannte strategische Ölreserve und die Internationale Energie Agentur (IEA) als die Institution, die das „Gegengewicht zum OPEC-Imperium“ (Daniel Yergin) bilden sollte. Der IEA - mit Sitz in Paris - hat gehalten, was sich die Gründer von ihr versprochen haben. Ihre Analysen und Vorhersagen über die Entwicklungen der Energiepolitik gelten heute für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gleichermaßen als zentrale Arbeitsgrundlage. Von ihr stammt die heute breit akzeptierte Definition von Energiesicherheit als ununterbrochne Verfügbarkeit von Energie zu einem bezahlbaren Preis („an uninterrupted availability of energy sources at an affordable price“).

Die zentrale Bedeutung von Energie hat in der globalisierten und digitalisierten Welt noch zugenommen. Nichts ist mehr ohne Energie denkbar: Keine Trinkwasser, kein Fernsehen, kein Computer, kein Telefon. Die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs würde ausfallen ohne das weltweite Netz der Transporte, der Kühllager und Warenhäuser. Umso wichtiger ist die ständige Versorgung mit bezahlbarer Energie geworden. Energiesicherheit ist ein Überlebensthema für jede zivilisierte Gesellschaft. Das Aufkommen der erneuerbaren Energien in der letzten Dekade, durch das inzwischen immerhin 2% (ohne Wasserkraft) der globalen Energienachfrage gedeckt werden können, hat die vorherrschende Bedeutung der fossilen Energieträger für die Versorgungssicherheit kaum geschmälert. Auch 2035 wird ungefähr 80% des Energieverbrauchs durch Öl, Gas und Kohle (übrigens fast zu gleichen Teilen) erfolgen (IEA-World Energy Outlook 2012).

Energiesicherheit im internationalen Kontext bleibt deshalb auf absehbare Zeit in erster Linie eine Frage der ununterbrochenen Versorgung mit fossiler Energie.

Die Sicherheit dieser Versorgung zu bezahlbaren Preisen ist äußerst komplex, extrem fragil und deshalb immer wieder bedroht. Dabei kann man sieben Gefahren unterscheiden:

Die sieben Gefahren für die Energiesicherheit:

1. Kriege, Krisen und Konflikte in den energieproduzierenden Ländern

können zu Unterbrechungen der Förderung und Lieferung von Energie führen und die Weltwirtschaft beeinträchtigen. So hatten zum Beispiel die iranische Revolution von 1979, der erste Golfkrieg von 1990/91 oder das vollständige Erliegen der libyschen Ölproduktion in Folge des Befreiungskrieges 2011 zum Teil drastische Auswirkungen auf Lieferströme, Energiepreise und damit die wirtschaftliche Situation in den Importländern. Aber auch der Generalstreik im Venezuela von Hugo Chavez (2002) oder der Irakkrieg (2003) hatten gravierende Auswirkungen und trugen - im Zusammenwirken mit noch zu nennenden anderen Faktoren - dazu bei, dass der Ölpreis immer weiter stieg und im Juli 2008 auf über 140 Dollar pro Fass lag - und so zur folgenden Weltwirtschaftskrise erheblich beitrug.

2. Politische Erpressung als Folge einer einseitigen Abhängigkeit von einem Energieproduzenten

ist eine weitere Gefahr für eine ununterbrochene Energieversorgung zu bezahlbaren Preisen. Die Dominanz der russischen Gaslieferungen für Teile Europas, vor allem der mittel- und osteuropäischen Staaten, hat dazu geführt, dass die Gaspreise in hohem Maße nicht durch Angebot und Nachfrage, sondern politisch - je nach Wohlverhalten der jeweiligen Regierung -festgesetzt wurden. Durch die Lieferunterbrechungen von russischem Gas an die Ukraine 2005/06 und 2009 wurden Versorgungskrisen in einigen mitteleuropäischen Ländern ausgelöst, deren Bedeutung allerdings von den Ängsten vor gravierenderen Machtdemonstrationen aus Russland übertroffen wurden. Die beiden Gaskrisen, die nicht einseitig Moskau angelastet werden sollten, führten zu einer Intensivierung der europäischen Diskussion über Energiesicherheit und gaben den Überlegungen zu einer Diversifizierung der Versorgung durch Gas aus dem kaspischen Raum über den „südlichen Korridor“ (Nabucco, TAP) neuen Auftrieb. Sie führten außerdem zum Beginn einer europäischen Energiepolitik mit einem eigenen Energiekommissar (Günther Oettinger).

3. Eine drohende Renationalisierung, sogar Energieimperialismus

sind heute reale Gefahren für das weitgehend auf Angebot und Nachfrage basierende weltweite Versorgungssystem. Über 80% der konventionellen Öl- und der konventionellen Erdgasreserven liegen heute in der Hand von staatlichen oder halbstaatlichen Energiekonzernen, d. h. sind direkt oder indirekt abhängig von den politischen Führungen der jeweiligen Länder, die die machtpolitische Bedeutung der eigenen Rohstoffe sehr wohl einzuschätzen wissen. Je knapper die Bodenschätze im Angesicht einer dramatisch wachsenden Weltbevölkerung und ihres Hungers nach Energie – der Weltverbrauch wird bis 2035 um ein Drittel ansteigen - desto stärker wird die Verführung werden, die Reichtümer des eigenen Landes für nationalistische oder gar imperialistische Zwecke einzusetzen. Die Entschiedenheit, mit der sich heute etwa China überall auf der Welt den Zugang zu Energie- und Rohstoffquellen sichert, gehört zu den großen geopolitischen Veränderungen im noch jungen 21. Jahrhundert.

4. Terroristische Angriffe auf Energieinfrastrukturen,

also auf die Routen der Öl- oder LNG-Tanker, auf Pipelines oder Förderanlagen können ebenfalls die Sicherheit der Versorgung zu bezahlbaren Preisen bedrohen. In Niger-Delta (Nigeria) sorgten Terroristen 2006 zu einer drastischen Rückführung der Ölförderung. Die Arish-Ashkelon Pipeline zwischen Ägypten und Israel wurde im ersten Jahr nach dem Sturz von Mubarak 13 Male von Terroristen angegriffen, mit dramatischen Auswirkungen auf die Energiesicherheit von Israel, das zu 40% und Jordanien, das sogar zu 80% von ägyptischem Gas abhängig ist. Erst im Januar 2013 griffen islamistische Terroristen die BP-Ölförderung in der algerischen Wüste an und entführten Mitarbeiter des Konzerns. Überall an den Meerengen - von der Straße von Malakka, über die Straße von Hormuz bis zu der Meerenge Bab El-Mandeb zwischen Yemen und Somalia lauern Terroristen und Piraten, nicht selten in enger Kooperation.

5. Cyber-Terrorismus gegen kritische Energieinfrastrukturen

stellt eine wachsende und heute zumeist noch unterschätzte Gefahr für die Energiesicherheit dar. Frank Umbach hat kürzlich darauf hingewiesen, dass im US-Militärbereich heute an allen Ecken und Enden gespart werde, lediglich der Cyber Command im Pentagon von 900 auf 4900 Mitarbeiter aufgestockt wurde. Präsident Barak Obama hat erst kürzlich darauf hingewiesen, dass die Feinde der USA versuchen würden, die Energieinfrastruktur, insbesondere die Stromnetze zu sabotieren. Der Chef des nationalen US-Geheimdienstes, James Clapper, hat ergänzt, dass solche Angriffe die größte aktuelle Bedrohung ("the most immediate threat") darstellten. Was, wenn es durch Cyber-Angriff gelingt, die Kühlsysteme von Kernkraftwerken außer Gefecht zu setzen? - Der Österreicher Marc Elsberg hat über die Gefahren des Cyber-Terrors gegen die Stromversorgung Europas im Jahre 2012 einen politischen Thriller geschrieben, den er beim Forum FAZ/Münchener Sicherheitskonferenz vorstellen wird.

6. Naturkatastrophen

sind eine Gefahr für die Versorgungssicherheit wie die Wirbelstürme Katrina und Rita im Jahr 2005 gezeigt haben. Die Stürme zerstörten ca. 170 off-shore Förderanlagen im Golf von Mexiko. Fast ein Drittel der amerikanischen Ölproduktion und der US-Raffineriekapazität wurden damals ausgeschaltet – mit weitreichenden und lange anhaltenden Konsequenzen für die Versorgung im ganzen Land. Noch furchtbarer aber waren die Folgen des Erdbebens und des folgenden Tsunamis am 11. März 2011 in Japan: sie führten zum Tod von tausenden von Menschen und zum Super-Gau im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit dramatischen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft in Japan. Aber auch unabhängig von den großen Katastrophen berichten die Rückversicherungsunternehmen, dass die Zahl der verheerenden Überschwemmungen oder Stürme merklich zunimmt – nicht zuletzt als Folge des Klimawandels. Und mit diesen Naturkatastrophen einhergehen fast immer kurz- oder langfristige Unterbrechungen der Energieversorgung. Diese Bedrohungen werden mit dem voranschreitenden Klimawandel zunehmen: der Monstersturm Sandy, Unwetter, der im Oktober 2012 allein in New York 16 Menschenleben forderte, zur Evakuierung von 375.000 Menschen führte und acht Millionen Menschen tagelang ohne Strom ließ, lieferte dafür einen Vorgeschmack. Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgeschlossen, dass solche verheerenden Stürme soweit im Norden entstehen könnten. Der Klimawandel birgt auch in anderen Regionen der Welt Gefahren für die Menschen und die Versorgung mit Energie: Was bedeutet es etwa für das Pipelinesystem Russlands, wenn sich die Permafrost-Regionen in Sibirien weiter erwärmen? Was sind die Konsequenzen für die Versorgung chinesischer Großstädte, wenn die Gletscher im Himalaya weiter abschmelzen und die grossen Wasserkraftwerke nicht mehr genug Elektrizität produzieren?

7. Technische Fehler, oft im Zusammenhang mit menschlichem Versagen

sind und bleiben eine Gefahr für die Energiesicherheit. Es ist eben keine Technik perfekt, immer bleiben „Restrisiken“. Das furchtbare Unglück von Tschernobyl 1986 ist dafür ein herausragendes Beispiel, aber auch vergleichsweise kleinere Unglücke wie das Tanker Unglück der Exxon-Valdez im Jahr 1989 in Alaska können neben dem Schaden an Mensch und Ökosystem auch Auswirkungen auf die regionale Energieversorgung zeitigen. Größere Gefahren für die Energiesicherheit resultieren aus der bisher nicht geregelten Endlagerung nuklearer Brennelemente oder aber auch z.B. der theoretischen Möglichkeit, dass die beim „fracking“ zur Förderung von fossiler Energie aus Schieferformationen verwendeten Chemikalien mit dem Grundwasser in Berührung kommen. Allein die Vorstellung solcher durch Technik und Mensch verursachten Unfälle kann dazu führen, dass die öffentliche Akzeptanz für solche Formen der Energiegewinnung geschmälert wird.

Wie diesen Gefahren begegnen? Ein Schlüssel dafür ist eine resiliente Energieversorgung. Die Akademie der Technikwissenschaften (ACATECH) hat in enger Zusammenarbeit mit der Bundesregierung im letzten Jahr eine Arbeitsgruppe „Resilien-Tech“ unter Leitung des Direktors des EMI in Freiburg (Fraunhofer Institut), Prof. Klaus Thoma, gebildet, die sich mit Blick auf Staat, Gesellschaft und Wirtschaft mit der Integration von Sicherheitsaspekten, „resilience by design“, befasst. Dazu gehört auch das Thema resilienter Energieversorgung.

Sieben Maßnahmen für resiliente Energiesysteme

Ein resilientes Energiesystem definiert sich über die Fähigkeit, Unterbrechungen abzuwehren bzw. durch Schutzmaßnahmen Störungen vorzubeugen. Im Mittelpunkt steht dabei die von Churchill vor 100 Jahren geförderte Vielfältigkeit, die Diversifizierung.

1. Diversifikation und Energieunabhängigkeit

Die wichtigste Aufgabe hatte Churchill vor einhundert Jahren beschrieben: Diversifikation. Nur die Vielfalt der Energieträger, der Förderländer, der Versorgungswege kann Sicherheit bedeuten. Das Bestreben, sich von anderen Ländern abhängig zu machen, führte in der Folge des OPEC- Ölembargos im November 1973 zu seinem „Project Independence“, mit der er die Energie Unabhängigkeit der USA von anderen Ländern forderte. Dieses Ziel, das seitdem von fast allen amerikanischen Präsidenten beschworen wurde, könnte ein halbes Jahrhundert später Wirklichkeit werden: bis Mitte der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts könnten die USA aufgrund der Schieferrevolution von Gas- und Ölimporten unabhängig werden!

2. Dezentralisierung

Eine weitere Möglichkeit, komplexe Energiesysteme zu schützen, vor allem umfassende Störungen zu verhindern bzw. ihre Auswirkungen zu begrenzen, liegt im Aufbau ergänzender, dezentraler Versorgungssysteme. Dazu eignen sich in erster Linie die regenerativen Energien: Wind, Photovoltaik, Solarthermie, Biomasse, Geothermie und nicht zuletzt Wasserkraft. Viele Haushalte, aber auch kleine und mittlere Unternehmen versuchen inzwischen, sich über solche dezentralen Energieträger vom großen Netz weitgehend unabhängig zu machen. Da die erneuerbaren Energien jedoch eine hohe Leistungsfluktuation aufweisen benötigen sie - jedenfalls solange die Speichertechniken noch unzureichend sind - das „back-up“ durch konventionelle Energieträger.

3. Höchste Sicherheits-, Effizienz- und Umweltstandards

Sicherheits- und Umweltstandards mögen teuer sein. Letztlich aber nützen sie allen Beteiligten, weil sie für die Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber dem jeweiligen Energieträger von entscheidender Bedeutung sind. Es ist solchen höchsten Standards zu verdanken, dass die Hurrikane Rita und Katrina zwar viele Menschenleben kosteten und riesige Schäden nicht zuletzt in New Orleans ausrichteten, gleichzeitig aber trotz vieler zerstörte Bohranlagen im Golf von Mexiko kein Öl in die See gelangte. Die hohen finanziellen und Imagekosten unzureichender Sicherheits- und Umweltstandards erlebte dagegen BP im Jahr 2010 mit der Havarie der Bohrinsel Deep Water Horizon. Die Auto und Mineralölindustrie verdanken ihre anhaltende Akzeptanz in Europa den enormen Fortschritten bei Effizienz- und Umweltstandards.

4. Dialog zwischen Produzenten und Konsumenten von Energie

Von zentraler Bedeutung für die Vermeidung von Störungen im globalen Energiesystem ist ein intensiver und vertrauensvoller Dialog zwischen den Importeueren und Exporteuren von Energie. Dabei ist es von besonderer Wichtigkeit, die Interessenlage des Gegenübers zu verstehen. Für die Produzentenländer heißt Energiesicherheit nämlich etwas ganz anderes als für die Konsumenten: für sie ist Energiesicherheit nicht Versorgungs-, sondern Absatzsicherheit. Gerade die großen Petroleumstaaten wie Russland, Saudi Arabien, Libyen, Angola oder Venezuela hängen vom regelmäßigen Absatz ihrer Rohstoffe zu aus ihrer Sicht akzeptablen Preisen. So wie höhere Öl- oder Gaspreise die Volkswirtschaften in westlichen Ländern beeinträchtigen, so führen niedrige Energiepreise bei den Erzeugern zu geringeren staatlichen Einnahmen, die sehr leicht die politische Stabilität beeinträchtigen können. In diesem Dialog spielt die IEA, aber im Grunde alle bi- und multilateralen Begegnungen von Staatsbesuchen bis hin zu Wissenschaftlertagungen, eine wichtige Rolle. Auch die Arbeit der politischen Stiftungen, der Außenhandelskammern, vor allem aber die Zusammenarbeit der Manager, Ingenieure und Arbeiter bei gemeinsamen Projekten dient dem gegenseitigen Verständnis der Interessenlagen, dem Verständnis der kulturellen Unterschiede, der Abgleichung der Zahlen und Analysen (Transparenz) - und auf diese Weise der Vertrauensbildung. Von besonderer Wichtigkeit ist heute die Einbindung Chinas und Indiens in die etablierten internationalen Foren des Energiedialogs.

5. Integration der Jugend: Jobs

In vielen Exportländern, vor allem im Mittleren Osten, in Afrika und Lateinamerika herrscht ein rasantes Bevölkerungswachstum mit der Folge, dass selbst wachsende Volkswirtschaften nicht in der Lage sind, der jungen Generation auch nur ansatzweise ausreichend Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. In Algerien, Libyen oder Saudi Arabien ist etwa die Hälfte der Bevölkerung jünger als 25 Jahre, im Irak sind es gar 60%. Die Förderung von Gas und Öl sind jedoch kapital- und nicht arbeitsintensiv, d. h. sie schaffen direkt kaum Jobs. Die Arbeitslosigkeit und Armut von Millionen junger Menschen führt nicht selten zu politischer Radikalisierung. Extreme Islamisten finden hier einen idealen Nährboden für ihre gewaltsamen Thesen. Vor diesem Hintergrund müssen die Länder des Westens im eigenen Interesse alles tun, um den Petroleumstaaten bei der Diversifizierung ihrer Wirtschaft, bei der Ausbildung ihrer jungen Menschen zu helfen. Die Arbeit der Entwicklungseinrichtungen von der GIZ bis zu den politischen Stiftungen ist gerade hier von entscheidender Bedeutung, um zu helfen, möglichst vielen jungen Menschen in den Petroleumstaaten eine Perspektive zu geben.

6. Polizeiliche und militärische Schutzmaßnahmen

Es war der amerikanische Präsident Jimmy Carter, der 1979 die Doktrin der US Außenpolitik formulierte, nach der jeder Versuch einer ausländischen Macht, die Herrschaft im Persischen Golf zu gewinnen, als „Angriff auf die vitalen Interessen der USA“ angesehen und dem deshalb notfalls auch mit militärischen Mitteln begegnet werde. In der Tat haben die Vereinigten Staaten der Sicherung der Energie-Lebenslinien, also dem ununterbrochenen Fluss von Öl und Gaslieferungen aus dem Mittleren Osten höchste Priorität eingeräumt. Im Einzelfall kann mit guten Argumenten an mancher politischen und militärischen Maßnahme Washingtons in diesem Zusammenhang Kritik geübt werden. Aber es ist wahr, dass die Sicherung der Energierouten den Europäern mindestens ebenso stark genutzt hat wie den Vereinigten Staaten. Der freie Tankerverkehr in den Meerengen, der Schutz vor Piraten und T erroristen, die Informationsgewinnung über Terrorgruppen und ihre innenpolitische Bekämpfung – das wird auch in Zukunft polizeiliche und militärische Schutzmaßnahmen erfordern. Die Europäer werden sich hier voraussichtlich eher mehr engagieren müssen, da die Bereitschaft der USA, sich fernab der Heimat militärisch zu engagieren, im Folge der Schieferrevolution in Nordamerika tendenziell zurückgehen dürfte.

7. Katastrophenschutz

 

Schließlich gehört zu einem Design einer resilienten Energieversorgung die Bereitstellung von ausreichenden und schnell wirksamen Notfall- Maßnahmen im Falle von einer katastrophenhaften Zuspitzung von Versorgungskrisen infolge von terroristischen Angriffen oder Cyber-Attacken auf Energieinfrasturktur sowie bei Unfällen oder Naturkatastrophen. In Tschernobyl oder Fukushima, aber auch im Falle der Stürme Katerina oder Sandy, bei Deep Water Horizon und in vielen anderen Fällen konnte beobachtet werden, dass es kaum Pläne z.B. für Evakuierungen, Krankenversorgung, Notunterkünfte usw. gab, vor allem keine klaren Kompetenzregelungen. Je schneller aber im Notfall reagiert werden kann, desto schneller kann die Versorgungssicherheit anschließend wieder hergestellt werden.

Prof. Dr. Friedbert Pflüger, Staatssekretär a. D., ist Direktor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King‘s College London und Fellow des Atlantic Council of the U.S. Er ist das für Energie zuständige Mitglied der Acatech Projektgruppe Resilien-Tech und Vorsitzender der AG Rohstoffe der Atlantikbrücke.

»DIE KRISE DER IDEE VON EINER WELTORDNUNG

(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014