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Der Blick aus der Ferne

Was die „BRICS“ von uns halten

Energiewende im internationalen Fokus

Was die „BRICS“ von uns halten Was die „BRICS“ von uns halten
energlobe mar

Es sind unruhige Zeiten für die deutsche Energiewende. In Deutschland verlangen Stromkostensteigerungen und die gerade erst beginnenden Einschnitte in die Kulturlandschaft Deutschlands durch Windräder, Photovoltaikanlangen und den Bau großer Stromtrassen der Politik viel ab. Zudem rückt die Frage nach einer gesicherten Energieversorgung vor dem Hintergrund unrentabler Gaskraftwerke in Deutschland, aber auch mit Blick auf Europa und die Ukraine-Krise, ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zeitgleich haben internationale Entwicklungen wie die Energieautarkiebestrebungen der USA, die insgesamt wachsende globale Energienachfrage, dominiert durch Schwellenländer, und der Ausbau der erneuerbaren Energien tiefgreifende Veränderungen auf der energiepolitischen Weltkarte zur Folge.
Die deutsche Energiewende ist ein Teil dieser globalen Veränderungen. Mit dem Ziel bis 2050 die Energieversorgung nahezu vollständig auf erneuerbare Energien umzubauen, wird Deutschland sich aber auch überlegen müssen, wie es sich in Zukunft energiepolitisch international einordnen will bzw. wie eine internationale Anschlussfähigkeit gelingen kann. Ein enger Austausch mit Staaten, die die globale Energiepolitik beeinflussen, ist dafür Vorrausetzung. Anhand der internationalen Entwicklungen im Energiebereich zeigt sich, dass es heute vor allem die Schwellenländer sind und sein werden, die neben den USA die energiepolitische Landkarte zeichnen. Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika als Gruppe der BRICS-Staaten nehmen dabei eine besonders wichtige Position ein.

Die BRICS-Staaten, in der ursprünglichen Variante noch als BRIC-Staaten ohne Südafrika aufgeführt, wurden bereits 2001 als besonders wachstumsstarke Regionen identifiziert. Neben ihrer wirtschaftspolitischen Bedeutung, die kürzlich sogar in der Gründung einer eigenen Entwicklungsbank mündete, fällt heute aber vor allem ihr klima- und energiepolitisches Gewicht sowohl als Nachfrager als auch Anbieter von Energie auf. Insbesondere für weniger entwickelte Staaten rücken sie damit als neue globale Mächte in den Vordergrund, die zudem einen nachahmenswerten, schnellen wirtschaftlichen Transformationsprozess vorzuweisen haben. Gleichzeitig haben die BRICS-Staaten in der Art und Weise der Ausgestaltung ihrer Energieversorgung einen signifikanten Einfluss auf das globale Klima. Mittlerweile weist China den höchsten CO2-Ausstoß weltweit auf. Für die BRICS-Staaten drängt sich deshalb die Frage auf, wie sie ihren wachsenden Energiebedarf langfristig decken wollen. Für Deutschland, das bereits intensive bilaterale Beziehungen zu den BRICS-Staaten pflegt, könnten sich gerade in diesem Feld, mit Blick auf die Erfahrungen bei der Umsetzung der Energiewende, neue Dialogfelder ergeben.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat vor diesem Hintergrund eine zweiteilige  Studie zur Wahrnehmung der deutschen Energiewende in den bereits genannten BRICS-Staaten in Auftrag gegeben. In den Ländern wurden auf Grundlage eines Leitfragebogens qualitative Experteninterviews mit Parlamentariern, Wissenschaftlern, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Privatwirtschaft durchgeführt. Die Ergebnisse der Befragungen ermöglichen es einen Einblick darüber zu gewinnen, inwieweit die deutsche Energiewende Vorort in Anbetracht der Umstände der eigenen Energieversorgung eingeordnet und wahrgenommen wird. Zudem lässt der qualitative Charakter der Befragung auch Einblicke in die energiepolitische Meinungsbildung in den Befragungsländern selbst zu.

Brasilien, China und Südafrika

Der erste Teil der Studie bezieht sich ausschließlich auf Brasilien, China und Südafrika. Dort wird mit der Energiewende vor allem der Wunsch Deutschlands nach mehr Umwelt- und Klimaschutz, nach einer langfristigen Steigerung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit sowie einer langfristigen Verbesserung der Energieversorgungssicherheit gesehen. Die Befragten interpretieren die Energiewende als ein umfassendes Umwelt- und Klimaprojekt mit wirtschaftlichem Kalkül. Für die wirtschaftliche Entwicklung erwarten die Befragten noch günstigere Rahmenbedingungen im Bereich der Entwicklung und Vermarktung neuer Technologien mit internationalen Wettbewerbsvorteilen. Hieraus können nach ihrer Einschätzung auch Impulse für andere Wirtschaftssektoren entstehen. Insgesamt könnten von der deutschen Energiewende globale Ansteckungseffekte ausgehen. Ausgereifte deutsche Technologien, die durch Serienproduktionen geringe Kosten aufweisen, könnten zu einem noch stärkeren Transfer deutscher Technologien führen.

Auf der anderen Seite werden auch negative Aspekte der Energiewende gesehen. Insbesondere die hohen Anfangskosten durch hohe Strompreise und Investitionen in den Netzausbau könnten nach Meinung der Befragten kurzfristig zu Risiken für Industrie, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit führen. Hinzu kommt, dass der Zeitplan als zu ambitioniert gesehen wird, woraus auch Widersprüche mit Blick auf die Klimaziele entstehen könnten. Außerdem verweisen die Befragten auf die noch ungelösten technologischen Probleme z. B. im Bereich der Fluktuation und Speicherung der erneuerbaren Energien.

Insgesamt bewerten die Befragten Deutschland als energiepolitischen Vorreiter im Bereich der Nutzung von erneuerbaren Energien. Die Energiewende gilt aufgrund des Umfangs, der Kosten, des Zeitplans und fehlender Beispiele als einzigartiges Projekt. Allerdings werden auch die günstigen Rahmenbedingungen in Deutschland, u. a. durch seine industrielle Stärke und den Druck einer wachsenden Energieimportabhängigkeit, gesehen. Die Entscheidung zur Energiewende wird zudem in einen globalen Energietrend eingeordnet, der insbesondere in Europa, durch eine ambitionierte Klimapolitik geprägt ist. Deutschland fällt damit die Rolle eines prädestinierten Vorreiters zu.

Ein wichtiger Aspekt der Befragung beschäftigte sich damit, inwieweit die Befragten selbst Auswirkungen der deutschen Energiewende auf ihr eigenes Land identifizieren können. Als positiver Effekt wurde dabei ein grundsätzlicher Lerneffekt konstatiert, der großes Interesse an technologischen Lösungsansätzen aber auch an Planung, Prozesssteuerung und Organisation beinhaltet. Es wurde auch die Hoffnung auf einen Technologietransfer artikuliert, der z. B. durch die Entwicklung gemeinsamer Produktionsanlagen erfolgen könnte. Außerdem wurde die Hoffnung auf die Entstehung eines Motivationseffektes deutlich. Danach könnte die deutsche Energiewende die Eliten in den Befragungsländern zu weiteren Schritten im Bereich „Nachhaltigkeit“ anhalten. Es wird zudem darauf hingewiesen, dass eine unmittelbare Übertragbarkeit der Energiewende aufgrund landesspezifischer Unterschiede kaum vorstellbar ist. Insbesondere das Fehlen heimischer Expertise und der Mangel an technischem Personal könnten zu Problemen führen. Die Untersuchung zeigt, dass aus Sicht der Befragten eine Übertragung einzelner Elemente der deutschen Energiewende durchaus sinnvoll, eine Kopie aber kontraproduktiv wäre.

Russland und Indien

Für Indien sind die Ergebnisse der Befragung durchaus vergleichbar mit denen von Brasilien, China oder Südafrika. Für Russland weichen sie jedoch aufgrund seiner geopolitischen Bedeutung als Energieanbieter im Einzelnen erheblich ab. Insgesamt wird die deutsche Energiewende von den Befragten in Indien und Russland als Programm zum Ausbau der erneuerbaren Energien und Kernkraftausstieg wahrgenommen. Als Hauptziele werden mit der Energiewende die Erhöhung der Unabhängigkeit von Energieimporten sowie des Umwelt- und Klimaschutzes in Verbindung gebracht. Für die Befragten in Russland ist die Energiewende dabei ein erwartbarer und logischer Schritt, um Energieimporte langfristig zu verringern. Hierbei wird auch eine strategische Entscheidung zur Stärkung der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit Deutschlands gesehen. Zudem weisen die Befragten auf die Gefahr einer erfolgreichen deutschen Energiewende für Russland hin, da dadurch langfristig ein Exportmarkt wegfallen könnte. Für die Befragten in Indien stellt die Energiewende indes eine außergewöhnliche Entscheidung dar. Sie wird als Ausdruck politischer Entschlossenheit und Responsivität gegenüber einer gesellschaftlichen Mehrheitsposition gesehen. Kritisch werden von Befragten aus beiden Ländern die hohen Kosten und die hohen kurzfristigen Risiken für die Energieversorgungssicherheit gesehen. Die Befragten aus Indien und Russland erhoffen sich, wie auch die Befragten aus Brasilien, China und Südafrika, von den Erfahrungen in der Umsetzung der Energiewende profitieren zu können. Hierbei steht die Unterstützung bspw. durch einen Technologietransfer im Bereich der Modernisierung und Diversifizierung des Energiesektors im Vordergrund. Eine Nachahmung der Energiewende wird indes als nicht sinnvoll gesehen. Allerdings könnte die Energiewende als Orientierungsmaßstab beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz dienen.

Ausblick

Aus der globalen Perspektive zeigt sich, dass Deutschland die Energiewende deutlicher in einen internationalen Energiesicherheits-Kontext verorten sollte. Das Argument, dass Deutschland langfristig mit einer Verringerung von Importen fossiler Energieträger aufgrund des Ausbaus der heimischen erneuerbaren Energien rechnen kann, nimmt in den BRICS-Staaten eine besondere Rolle ein. Für die BRICS-Staaten – Russland einmal ausgenommen – sind die erneuerbaren Energien zudem längst ein wichtiger Bestandteil ihres Energiemixes, wobei die Motivation in der Diversifikation der Energieversorgung zur Verbesserung der Energieversorgung liegt und nicht in einer ambitionierteren Klimapolitik. Für Deutschland folgt daraus, die Energiewende nicht mehr nur klimapolitisch zu behandeln, sondern daraus auch internationale Energiesicherheitsdialoge zu entwickeln.

Aus der entwicklungspolitischen Perspektive ist eine enge Energiekooperation Deutschlands mit den BRICS-Staaten sinnvoll. Die Umsetzung der Energiewende in Deutschland nimmt dafür eine herausgehobene Stellung ein. Hierzulande wird gegenwärtig eine Lernkurve – mit positiven und negativen Erfahrungen – durchgemacht, von der viele Länder weltweit profitieren können. Dabei geht es nicht um den Anspruch, dass andere Länder eine Energiewende wie Deutschland umsetzen sollen. Es geht vielmehr darum, regulatorische, technologische und politische Lösungen, die Deutschland für die Umsetzung seiner Energiewende bereits gefunden hat, im Einzelnen international bereitzustellen. Gelingt es, in BRICS-Staaten, einen Teil dieser Lösungen in ihrer eigenen Energiepolitik einzubringen, damit diese Staaten ihre rasant wachsende Energienachfrage auch aus der Klimaperspektive nachhaltig bewältigen können, dann ist nicht nur dem globalen Klima geholfen, sondern auch eine weitere Brücke zu weniger entwickelten Ländern geschlagen, die sich diese zum Vorbild genommen haben.

Dr. Christian Hübner war KAS-Projektleiter der BRICS-Studie und leitet ab 2015 das Regionalprogramm Energiesicherheit und Klimawandel in Lateinamerika der Konrad Adenauer Stiftung

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(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

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Henry Kissinger,„World Order”, August 2014