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Hoffnungen und Illusionen

„Die Selbstgefälligkeit der Europäer ist unglaublich“

Edward Chow über LNG-Exporte und Verantwortung

„Die Selbstgefälligkeit der Europäer ist unglaublich“ „Die Selbstgefälligkeit der Europäer ist unglaublich“
energlobe mar

Wenn im US-Senat Anhörungen zur Energiepolitik auf der Tagesordnung stehen, wird er oft um seine Einschätzung gebeten: Edward Chow, einer der führenden US Energieexperten mit einer über 30jährigen Erfahrung im Nahen Osten, in China, in Südamerika, Europa und der ehemaligen Sowjetunion, u.a. als langjähriger Chevron-Vorstand mit besten Verbindungen zu White House und Capitol Hill.

ENERGLOBE traf ihn zu einem exklusiven Gespräch über künftige amerikanische LNG-Exporte, über Hoffnungen und Illusionen und über Verantwortung.

Nicht nur aus aktueller Sicht fokussiert sich der globale politische Blick auf den Nahen Osten. Seit Jahren schon beobachtet man die sich immer wieder verändernde Debatte inner- und außerhalb der USA um deren künftige Rolle in dieser Schlüsselregion für den internationalen Energiemarkt - der „Mutter aller Märkte“ wie es US-Außenminister John Kerry ausdrückte.

Es gäbe zwei Arten in Washington DC, diese Krisenlage im Nahen Osten zu bewerten, sagt Edward Chow. Beide hätten weitreichende Implikationen und seien deutlich durch die Veränderungen der internationalen Energiemärkte geprägt, die von dem Öl- und Gasboom in den USA ausgelöst wurden.

Die Gruppe der Außenpolitiker argumentiert, dass der Nahe Osten auch weiterhin die wichtigste Region für die Förderung von Öl und Gas in der Welt bleibt. Auch wenn die USA selbst relativ wenig Öl aus dieser Region importieren würden, wäre der Nahe Osten von existenzieller Bedeutung für ihre Alliierten in Europa und anderswo. Da es aber gegenwärtig keine Macht gäbe, die die Präsens und Macht der USA in dieser Region ersetzen könne, müsse die Stärke der USA im Nahen Osten weiterhin gewährleistet werden.

Diesem Denken, so Chow weiter, würden weite Teile der öffentlichen Meinung entgegenstehen. Die eineinhalb Jahrzehnte direkter Interventionen im Nahen Osten hätten die öffentliche Debatte in den USA radikal verändert. Zusammen mit dem neuen Fakt einer weitestgehenden Unabhängigkeit von Energieimporten werde ganz klar die Frage artikuliert, warum man diese Region für China und Indien sichern soll? Chow verweist darauf, dass es in dieser Debatte überhaupt nicht mehr um Europa gehen würde, denn fast 80 Prozent der Ölexporte aus dem Nahen Osten gingen inzwischen nach Asien.

Was ihn deshalb sehr beunruhige, sei die enorme Selbstgefälligkeit der Europäer. „Das ist unglaublich!“, sagt er und verweist auf seine Gespräche mit Experten in den europäischen Hauptstädten. Während man in Asien die künftige Rolle der USA im Nahen Osten sehr ernsthaft diskutiere, würde man in Europa - zumeist in Kreisen von Sicherheitsexperten - immer wieder betonen, dass die USA ja gar keine andere Wahl hätten, als weiter in dieser Region voll präsent zu sein. Damit würden sich die Europäer praktisch aus der Verantwortung entlassen. Aber selbst wenn sie mit dieser Haltung in nächster Zeit noch recht behalten sollten, würde Chow an ihrer Stelle nicht länger darauf setzen, wenn es um die Energiesicherheit Europas ginge.

Angesprochen auf die vom Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Norbert Röttgen, in die Debatte geworfene Vorstellung einer neuen „Transatlantischen Energiesicherheitspartnerschaft, schüttelt Chow ablehnend den Kopf. Was wirklich in Washington seit  Monaten vor sich ginge sei Folgendes: Vertreter ost- und zentraleuropäischer Länder würden verstärkt vorsprechen und die USA auffordern, Energie, also Öl und Gas aus dem „Shale Boom“, nach Europa zu liefern, um die Abhängigkeit dieser Länder von Russland zu mindern. In Washington würden sie damit auf offene Ohren bei genau den Politikern treffen, die für eine schnelle Aufhebung des Exportverbots für Öl und Gas aus den USA eintreten, zumeist Republikaner, aber auch Demokraten. Die Wahrheit sei aber, dass diese Politiker diese Aufhebung ausschliesslich aus inneren (domestic reasons) politischen und ökonomischen Erwägungen anstreben würden - wodurch diese europäischen Forderungen nur zum Zweck der Beschleunigung dieses Aufhebungsverfahrens instrumentalisiert werden, sagt Chow. Deshalb habe er die Vertreter dieser ost- und zentraleuropäischen Länder in Washington immer wieder dazu aufgefordert, zu prüfen, ob es bei dem beschränkten Einfluss, den sie in Washington besitzen würden, wirklich klug sei, ausgerechnet „diese Karte“ ins Spiel bringen zu wollen.

Deutschland sei dagegen eine ganz andere Liga, aber Deutschland müsse sich bei einer solchen Forderung natürlich fragen lassen, warum man nicht selbst Schiefergas fördere. Es sei ein Widerspruch, gegen Fracking zu sein, aber von den USA die Lieferung von Shalegas für Europa und die internationalen LNG-Märkte (Liquid Natural Gas) zu fordern. Für Chow wäre es dagegen ein glaubwürdiges - auch in Moskau deutlich zu vernehmendes - Signal an die Märkte, eine neue, d.h. aktuelle Machbarkeits-Studie über den Bau eines deutschen LNG-Terminals in Wilhelmshaven in Auftrag zu geben. Chow hebt dazu hervor, dass es ihm nicht darum gehe, dieses Terminal auch zu bauen, sondern darum, das entschlossene Interesse an dieser Option zu zeigen.

Dem Hinweis, dass der ehemalige EU-Energiekommissar, Günther Oettinger, gegenüber ENERGLOBE erklärt habe, Zahl und Kapazität der LNG-Terminals in der EU wären ausreichend, entgegnet Chow, warum Oettinger das nicht auch den Polen und Litauern gesagt habe, die solche Terminals mit EU-Förderung bauen - ohne das diese Terminals einen ökonomischen Sinn ergäben, da ihnen sowohl die großen Mengen als auch die Infrastruktur fehlen würden, um sich zu rechnen? Das sei doch eher viel Geld für Investitionen in eine „Versicherungs-Politik“.

Betrachte man die Sache grundsätzlich, so Chow weiter, könne kein Zweifel daran bestehen, dass Russland weiterhin der entscheidende Gaslieferant für Europa bleiben werde, einfach deshalb, weil es für beide Seiten wirtschaftlich sinnvoll sei. Es ginge für Europa auch nicht um den Import russischen Erdgases an sich, sondern die damit verbundenen Handeslsbedingungen und Preise. Darauf hätten zusätzliche LNG-Kapazitäten natürlich einen erheblichen Einfluss - schon jetzt, da große Mengen von LNG nicht mehr in die USA sondern auf andere Märkte gingen.

Das würde die Frage nach der Wilhelmshaven-Studie auf den Punkt bringen, so Chow: Bevor man beginne, große Projekte zu finanzieren oder zu co-finanzieren, könne man mit einer Machbarkeits-Studie zu einem deutschen LNG-Terminal ein sehr deutliches und kostengünstigeres Zeichen nach Moskau schicken.

Zurückkehrend zur Frage der US-LNG-Exporte und den Ankündigungen eines in den nächsten Jahren erwarteten Exportvolumens von jährlich rund 100 bcm (Milliarden Kubikmetern) Gas für die Weltmärkte - was ungefähr dem Volumen des jetzigen Export-Weltmeisters Qatar entspräche - übt Chow eher Zurückhaltung und verbleibt skeptisch. Vor ungefähr zehn Jahren habe man in den USA von 40 beantragten Terminal-Projekten zum Import von LNG fünf fertig gestellt. Alle hätten viel Geld verloren, weil man in den USA die für einen Gewinn nötigen Mengen LNG nicht verkaufen konnte. Welche dieser Projekte wirklich für den Export umgerüstet werden und ihre Finanzierung sichern können, sei für ihn noch vollkommen offen, sagt Chow.

Unabhängig von den künftig exportierten Mengen an LNG sei für ihn die entscheidende Frage, wie sich diese Volumina auf die künftige Preisgestaltung und Preisindexierung auf den drei weltweiten Teilmärkten für Erdgas auswirken werden. Das beträfe sowohl die Preisunterschiede zwischen diesen Märkten als auch die Zukunft der Ölpreis-Indexierung der Gaspreise in Europa und im Fernen Osten. Diese Frage sei wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit Europas, denn eine schwächere Ölpreis-Indexierung würde zu mehr Wettbewerb auf dem europäischen Gasmarkt führen und die Preise sinken lassen.

Die eigentliche Bedeutung der LNG-Exporte aus den USA liegt nach Chow aber in erster Linie darin, dass es sich dabei um eine nicht durch den Ölpreis definierte Form der Gasressourcen handelt. Das sei es, was unabhängig von der genauen Anzahl zukünftiger LNG-Terminals und exportierter LNG-Mengen die globalen Energiemärkte verändern werde.

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(IST) DAS ULTIMATIVE INTERNATIONALE

PROBLEM VON HEUTE«

Henry Kissinger,„World Order”, August 2014